Kinder in Fukushima bleiben der Schule fern

Die Zahlen der Grund- und Mittelschüler, die pro Jahr mehr als 30 Tage nicht zur Schule kamen, gingen laut einer Untersuchung des MEXT (Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie) zurück. Jedoch bezieht sich diese Aussage auf die Zeit vor dem Atomunfall. Seit 2011 steigen die Zahlen der Schüler, die der Schule fern bleiben, wieder an. Der Bildungsausschuss der Präfektur äußerte sich, dass man das Phänomen in Zusammenhang mit dem Atomunfall untersuchen werde. Besonders die Kinder, die von der Katastrophe dirket betroffen waren, erscheinen offensichtlich weniger in der Schule. Kurz nach der Katastrophe konnten sich viele Kinder nicht gut an die neue Situation in den Notunterkünften gewöhnen und sind deshalb vermehrt nicht zur Schule gegangen. Aber in der letzten Zeit mehren sich andere Gründe, die die Kinder zu einem solchen Verhalten bewegen. Vor allem die Eltern sind es, die nicht wissen, was sie von der Zukunft erwarten sollen. Die Aufräumarbeiten und Dekontaminierung verzögern sich immer mehr und es ist kein Ende abzusehen. Das verunsichert viele und diesen Stress müssen letztlich die Kinder abfangen. Sie werden vermehrt zuhause angeschrien und auch geschlagen. Kinder, die langsam in die Pubertät eintreten, können nicht verstehen, warum sie nicht mehr in ihr damaliges Leben zurück können. Das wirkt sich natürlich in beträchtlichem Maße auf die seelisch Gesundheit aus.

Der Professor Sumio Watanabe (Klinische Psychologie, Tohoku Fukushi University) spricht davon, dass Oberschüler nicht nur zum Schuleschwänzen neigen, sondern auch zum Alkohol- und Tabakkonsum. Manche beenden nicht einmal mehr die Schule, sondern brechen vorzeitig ab.

Dieses Problem äußert sich nicht nur unter den Familien, die durch staatliche Anweisung evakuiert wurden, sondern auch diejenigen, die aus eigenem Ermessen die Präfektur verlassen haben. Da diese Familien kaum staatliche Unterstützung bekommen, arbeiten meist beide Elternteile. Das Kind sieht sich so einer unbekannten Umgebung ausgesetzt ohne ausreichende Zuwendung derEltern. Sie fühlen sich verunsichert.

Oft ist es aber auch der Fall, dass der Vater in der Präfektur Fukushima zurückbleibt und arbeitet, und die Mutter mit dem Kind in einer anderen Präfektur Zuflucht sucht. Wenn dann die Mutter allerdings in ihrem Zufluchtsort keine Freunde findet, und der Partner weit weg ist, bleibt niemand zur Rücksprache und zur Stressbewältigung. Das wirkt sich wiederum negativ auf den Mutter-Kind-Haushalt aus. Es wurde von Fällen berichtet, bei denen die Mutter andere Männer nach Hause brachte, woraufhin das Kind depressiv wurde. Wenn das Kind dann dadruch nicht mehr die Schule besucht, ist eigentlich ein Vater wichtig, der ruhig und vernünftig mit dem Kind spricht. Mütter neigen dazu, den Kindern zu viel nachzusehen – diese Ansicht vertritt zumindest die Vorsitzende der Vereinigung für klinische Psychologie Fukushima, Kanae Narui. Letztendlich müssen Maßnahmen getroffen werden, die den Eltern Sicherheit auf den verschiedenen Ebenen geben. Nur dann kann sich auch der allgemeine Zustand für die Kinder so verbessern, dass sie weniger unter dem elterlichen Stress leiden müssen. (Tokyo Shimbun, 5.11.2013 Morgenausgabe S.23)

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