Der Stress der Arbeiter – ein Interview mit dem Neuropsychologen Jun Shigemura

TEIL 1

Das Team des National Defense Medical College in Saitama (Nachbarbezirk von Tokyo) betreut seit dem Atomunfall in Fukushima die dortigen Arbeiter. Jun Shigemura ist der Leiter dieses Teams und forscht zu Traumata nach einer Katastrophe. Die Arbeiter in Fukushima haben vor allem mit einem hohen Stresslevel sowie Diskrimierung und Diffamierung zu kämpfen.

Tokyo Shimbun: Was war Ihr Eindruck, als Sie die Arbeiter in Fukushima das erste Mal trafen?

Shigemura: Als ich nach der Katastrophe die Leute im Mai 2011 dort getroffen habe, fühlte ich vor allem den vierfachen Stress, unter dem die Arbeiter litten. Zunächst die tatsächliche Naturkatastrophe – die Tsunamiwelle, die auf sie zurollte, das Atomkraftwerk, das vor ihren Augen explodierte, die Strahlung, die sie bestimmt oder vielleicht abbekommen haben.

Als zweiten Stressfaktor muss die Erfahrung als Opfer und als Evakuierte genannt werden – viele von den Arbeitern (ca. 70%) führen ein Leben in den Notunterkünften und gehen von dort aus zur Arbeit. Der Rest wohnt in der ursprunglichen Heimat.

Der dritte Faktor ist der Verlust nahestehender Personen. Zwei junge Arbeiter vom AKW Fukushima I wurden von der Welle mitgerissen und verloren ihr Leben. Auch in Fukushima II ist einer der Arbeiter gestorben. Das bedeutet, die Menschen dort haben den Arbeitskollegen, vielleicht das Familienmitglied, vielleicht den Freund für immer verloren.

Zum Schluss der größte Faktor: das “Tepco-Bashing”. Das Schlechtreden des Unternehmens wirkt sich direkt auf die Mitarbeiter aus, sie leiden unter Diskriminierung und übler Nachrede. Wenn ein Arbeiter in seiner Uniform zurück in die Notunterkunft kommt, ist es schon vorgekommen, das er mit folgenden Worten angesprochen wurde: “Hey du, was machst du hier? Solltest du nicht im AKW sein und das da in Ordnung bringen?”, oder “komm ja nicht hier herüber!”, und mit diesen Worten am Kragen gepackt wurde. Die Vermieter lehnen Bewerber ab, die bei Tepco arbeiten, und selbst wenn es einer trotzdem schafft, sich eine Wohnung zu mieten, steht am nächsten Tag auf einem Zettel an der Tür geschrieben: “Hau ab, Tepco!”

Tokyo Shimbun: Und da haben Sie die seelische Gesundheit der Tepco Arbeiter untersucht.

Dieser komplexe Stress, den diese Menschen erleiden, ist nicht vergleichbar mit dem von vorhergehenden Katastrophen. Auch wenn ich mahne, man darf nicht diskriminieren, hat das keinerlei Wirkung. Erst wenn die harten Fakten in Form von Daten auf dem Tisch liegen, können die Menschen überzeugt werden. Deshalb habe ich die betroffen Menschen untersucht. Insgesamt 1495 Personen. Das Ergebnis ist der vierfache Stress, den alle der Beteiligten verspüren. Und das dieser ein ganz neues Ausmaß erreicht. Als Auslöser kristallisieren sich vor allem die Diskrimierung und Diffamierung heraus. Diejenigen, die solcherlei Erfahrungen gemacht haben, sind zwei bis drei Mal anfälliger für seelische Veränderungen. Dazu gehören zum Beipiel Angstzustände, Depression, posttraumatische Belastungsstörungen usw., durch die manche nicht mehr schlafen können, Anspannung empfinden und schreckhaft auf Geräusche reagieren. (Tokyo Shimbun, 1.12.2013 Morgenausgabe S.11)

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3 comments

  1. Ist zwar Off-Topic hier, aber ich wünsche dir dennoch ein frohes 2014, du solltest ja schon längst drin sein^^. Bleib Gesund und füttere weiter deinen Blog =).

    1. Danke, es ist zwar schon seit 17 Tagen 2014, aber dir auch ein frohes neues Jahr! Nach langer Weihnachtspause muss ich wieder ans Werk! Auf geht’s 🙂

      1. Danke und bin gespannt wieder neues lesen zu dürfen =)

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