Der Stress der Arbeiter – ein Interview mit dem Neuropsychologen Jun Shigemura

TEIL 2

Tokyo Shimbun: Eigentlich müsste sich der Zorn gegen die Betriebsleitung Tepcos richten.

Shigemura: Sicher reagiert Tepco als Betrieb mit eher peinlichen Maßnahmen, aber ihn dafür anzuklagen, nützt auch nichts, denke ich. Die Besonderheit dieses Atomunfalls liegt darin, dass stattdessen allerdings die sichtbaren Menschen in die Ecke gedrängt werden. Selbst ein Angestellter Tepcos, der nicht einmal eine Führungsposition bekleidet, wird daher unbarmherzig zur Rechenschaft gezogen.

Diese Angestellten üben eine Arbeit aus, die scharf von der Öffentlichkeit beobachtet wird. Wenn sie sich nicht anstrengen, wirkt sich das auf unser ganzes Leben aus. Strafen wir sie, durch harsche Kritik und andere Ablehnungen, dann verletzten wir sie grundlegend in ihrer Würde. Sie verlieren ihren Stolz als Mitglied der Gesellschaft, als Fachmann, als Einwohner Fukushimas. Letztlich wissen sie nicht mehr, warum sie eigentlich für den Wiederaufbau arbeiten.

Wie bei dem Aufruhr um das verseuchte Wasser, so ist es auch mit allen anderen Zwischenfällen – die Welt schaut streng auf die Geschehnisse im haverierten Kraftwerk und die Menschen vor Ort geraten an die Grenze ihrer Kräfte. Zwei Jahre und acht Monate sind seit der Katastrophe  vergangen, und alle arbeiten bis sie nicht mehr können und der Erschöpfung geschuldete, schwerwiegende Fehler machen. Daraufhin werden sie kritisiert, was sie wiederum zurücksetzt und ein Teufelskreis entsteht. Zudem gibt es viele, die ihre Arbeit kündigen.

Tokyo Shimbun: Wie kann man den verletzten Stolz der Arbeiter wieder herstellen?

Das Minimum, was man zum Leben braucht, ist Sicherheit, Nahrung und eine Unterkunft. Trotzdem die Arbeiten zur Bergung der Brennstäbe aus dem Reaktor 4 begonnen haben, und die Arbeiter eine enorme Leistung erbringen, wohnen sie in provisorischen Häusern und bekommen lieblos zusammengestellte Lunchpakete. Noch immer ist die Gegend nicht wiederaufgebaut und es herrschen prekäre Zustände. Ich möchte, dass die Menschen den Arbeitern an forderster Front Dankbarkeit entgegenbringen. Nach der Katastrophe wurde den Selbstverteidungsstreitkräften viel Dank ausgesprochen. Manch einer hat ein Werbevideo gemacht, mit Worten der Dankbarkeit, gerichtet an die Soldaten. Und obwohl die Tepco-Arbeiter genauso für die Gesellschaft eintreten, sagt kaum jemand “dankeschön”. Für die Japaner ist es selbstverständlich, dass ein Angestellter in einem Kernkraftwerk eben seine Arbeit tut, wenn man jedoch Lob ausspricht, kann das dabei helfen, sich von den vorhergegangenen Demütigungen und Traumata besser zu erholen.

Tokyo Shimbun: Wie kann man den Arbeitern Tepcos helfen?

Bisher bin ich 42 Mal in das Katastrophengebiet gefahren und habe mich mit mehreren hundert Menschen getroffen, die in Verbindung zu dem Kraftwerk stehen. Zuerst habe ich auf persönliche Vorstellung durch den Betriebsartz Takeshi Tanigawa (Ehime Universität) die Unternehmung begonnen, aber dann hat sich der Staat der Sache angenommen und entsendet nun Ärzte des National Defense Medical College. Unter diesem Schirm konnte ich Mitglied eines Teams werden. Natürlich gibt es Grenzen der Dinge, die wir neben unseren alltäglichen Aufgaben bewerkstelligen können. Aber leider können wir beispielsweise nicht den Mitarbeitern der angegliederten Unternehmen Tepcos helfen, und wir können auch keine Nachsorge für Menschen anbieten, die das Unternehmen verlassen haben. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft in dieser Staatskrise ihre ganze Kraft aufbringt. Da hilft nicht nur diese kleine Unterstützung durch Seelsorge, sondern es muss eine breitgefächerte Hilfe geben.

Unabhängig davon, ob man für oder gegen die Kernkraft ist; dass der momentane Zustand ein rasches Ende findet, liegt doch im Interesse aller. Es wäre zu wünschen, dass jederman versteht, warum es so wichtig ist, den Wiederaufbau so schnell wie möglich voranzutreiben, denn nur so können die Arbeiter vor unnötigen Gesundheitsschäden bewahrt werden.

Derzeit ist in der Präfektur Fukushima ein Wort in aller Munde: Zusammenleben. Ob jemand Kernkraftwerksangestellter ist, oder nicht, ob jemand Entschädigung erhält, oder nicht, sie alle müssen trotz ihres Zorns und trotz ihrer Enttäuschung weitermachen. Dieses Weitermachen ist es, was die Menschen in Japan nach dieser Atomkatastrophe zusammen bringt. Das ist das “Zusammenleben”.

Tokyo Shimbun: Bei vielen Symposien und Kongressen werden die Menschen des betroffenen Gebiets durch Redner vertreten.

Umso mehr Zeit vergeht, desto mehr erlischt das Interesse der Leute, und die Diffamierung der Tepco-Arbeiter etabliert sich. Darüberhinaus verfestigt sich auch die Diffamierung und Diskriminierung aller Menschen in der Präfektur Fukushima. Das ist äußerst gefährlich. Diese Menschen, die diskriminiert werden, finden für die Dinge, die sie sagen wollen, kein Gehör mehr. Wenn sie nichts mehr sagen, dann verliert die Gesellschaft das Interesse und stempelt sie ab. Niemand fragt sich, was in Fukushima passiert, übrig bleibt nur Verunsicherung, Wut, Zorn. Dasselbe trifft auf Krankheiten wie Aids, Lepra oder die Minamata-Krankheit zu. Als ein neues Grippevirus bekannt wurde, gab es große Aufruhr und man war aufgebracht; sogar die Menschenrechte wurden z. T. bei der Berichterstattung verletzt. Es braucht eine Menge Mut, sich in so einer Situation als Betroffener dagegen zu wehren. Und so müssen sich die Menschen von außerhalb für die Bewohner Fukushimas einsetzten. Nun sind wir an der Reihe.

Jun Shigemura ist 1969 in Shizuoka, Numazu-Stadt geboren. Er studierte an der Keio-Universität und durchlief das zugehörige neuropsychologische Institut. Danach wurde er Assistent in dem National Defense Medical College. Durch die Tatsache, dass Katastrophenopfer mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht genügend versorgt wurden, begann sich Shigemura für dieses Themengebiet zu interessieren. Er forschte als Gastforscher an der amerikanischen Universität für Gesundheitswissenschaft USU und ist seit 2006 Dozent an dem National Defense Medical College. Sein Fachgebiet ist mentale Gesundheit von Katastrophenhelfern.

Shigemura ist Vizepräsident der japanischen Gesellschaft für traumatischen Stress und gleichzeitig Mitglied in der Komission für Neuropsychologie, Katastrophenhelfer. Er war Mitautor verschiedener Bücher zum Thema Katastrophen und ihre Auswirkungen auf Kinder, sowie posttraumatische Belastungsstörungen. (Tokyo Shimbun, 1.12.2013 Morgenausgabe S.11)

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