Wirtschaftswachstum trotz Atomausstieg?

Japan steht am Scheideweg – am 9. Februar, am Tag der Bürgermeisterwahl in Tokyo, wird ein wichtiger Schritt getan – in welche Richtung ist allerdings noch offen. Die verschiedenen Kandidaten haben ihre jeweilige Sicht auf den Ausstieg, und so wird die Zukunft der Atomkraft vielleicht sogar zum entscheidenen Wahlthema. An dieser Stelle sollen zwei Sichtweisen durch ein Streitgespräch vorgestellt werden. Zum einen argumentiert Kazuhiro Ueta (*1952), Professor an der Universität Kyoto für Ingeneurwesen, für einen Ausstieg und einen Umschwung zu grüner Energie, und zum anderen rechtfertigt Akihiro Sawa (*1957), vormals Leiter der Abteilung für Umweltpolitik des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie, die Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke.

Sawa: Atomkraft ist eine von verschiedenen, wichtigen Energiequellen; ohne sie fürchten die Unternehmen immer um eine ausreichende Stromversorgung. Öl muss in großen Mengen importiert werden, und trotz des günstigen Yen-Kurses müssen enorme Summen für Brennstoffimporte aufgebracht werden. Dadruch steigen die Stromkosten und den Unternehmen bleibt kein Spielraum für Gehaltserhöhungen. Wir haben große Probleme durch dieses kurzfristige Abstellen der Atomkraftwerke. Es wäre besser, die Meiler möglichst schnell wieder ans Netz zu nehmen.

Ueta: Auch wenn der Strompreis und die Brennstoffimporte ansteigen, die Auswirkungen für die gesamte Wirtschaft in Japan sind dennoch gering. Ein viel größeres Problem ist, dass sich die Regierung nicht auf eine einheitliche Linie in der Energiewirtschaft einigen kann. Wenn man sich auf eine Energiewende einigen würde, könnte man mit der Entwicklung erneuerbarer Energien und Energiesparen beginnen. Die Gesellschaft ist bereit für den Wechsel, nach Fukushima ist eine Wiederinbetriebnahme der AKWs nicht nötig.

Sawa: Wirtschaftlich betrachtet ist es unsinnig, ein Kraftwerk stillzulegen, dass mit so wenig Brennstoff betrieben werden kann. Auch wenn ein AKW stillgelegt wird, muss Geld für seine Unterhaltung bezahlt werden. Außerdem kann es sein, dass die Achtsamkeit nachlässt und die Sicherheit eines Kraftwerks gefärdet.

Ueta: Normalerweise kann man kein Kraftwerk betreiben, wenn es keinen Ort gibt, wo man das verbrauchte Material ablagern kann. Nur bei AKWs ist das anders. Diese Sonderbehandlung soll aufhören.

Sawa: Durch die steigenden Stromkosten werden auch die Produktionskosten steigen, dadruch wiederum steigt der Preis des Endprodukts. Dadurch verliert Japan den internationalen Wirtschaftswettbewerb. Zusätzlich bleibt, durch den teuren Import von Brennstoff, der Gewinn beim Export des Produkts unter dem Importpreis. In der Handelsbilanz schleichen sich die roten Zahlen ein und werden zum festen Bestandteil. Mit anderen Worten verschwindet langsam der Wohlstand der Nation. Dieser Wohlstandsschwund wird durch den niedrigen Yen verstärkt, die roten Zahlen werden immer größer und die Wirtschaft befindet sich in einem Teufelskreis. Um diesen Teufelskreis zu stoppen, brauchen wir Atomkraft, eine Wiederinbetriebnahme ist unerlässlich.

Ueta: Man hat angenommen, dass der Export von Autos und Haushaltsgeräten mit dem niedrigen Yen steigen wird. Das ist nicht eingetreten. Die japanische Wirtschaft verlässt sich nicht mehr auf ihre Exporte, dieses System ist überholt. Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie wir möglichst viel Energie verbrauchen, sondern wie wir einen Wechsel zu einer Produktion energiesparender Geräte vollziehen können. Nicht nur das Atomproblem allein sollte überdacht werden, sondern die ganze Wirtschaftsstruktur. An dieser Stelle kann erneuerbare Energie als ein neuer Produktionszweig entstehen, der auch die regionale Wirtschaft stimulieren kann.

Sawa: Wo wir von erneuerbaren Energien sprechen – die Solarpanels werden ausschließlich im Ausland produziert. Zieht man die Arbeitsplätze ab, die durch eine vermehrte Installation entstehen würden, hat diese Entwicklung auf die Arbeitsverhältnisse im Land keinen Einfluss. Dass erneuerbare Energie keinen positiven Einfluss auf die Wirtschaft hat, sieht man doch gut an Europa.

Ueta: Nicht alle erneuerbaren Energien sind gleich. Beispielsweise können Abfallprodukte beim Hausbau (Abfallholz) als Biomasse genutzt werden, aus der Energie gewonnen werden kann. Dazu sammelt man in den Regionen das in Frage kommende Material ein und verarbeitet es weiter, sodass es als Brennstoff dienen kann. Damit würde auch die regionale Wirtschaft angeregt werden.

Eigentlich müssen Unternehmen die Risiken auf sich nehmen und auf einen Ernstfall vorbereitet sein. Wie am Beispiel der Atomkatastrophe in Fukushima ersichtlich ist, können Atomkraftwerke unmöglich die Risiken allein tragen. Daher ist es schwierig, ein AKW als Privatunternehmen kommerziell zu betreiben. Außerdem bestehen immer noch die Probleme einer möglichen militärischen Nutzung und die Sicherheitsfrage. Der Staat sollte sich unter allen Umständen an dem Betrieb eines AKWs beteiligen.

Sawa: Sicherlich ist der Staat im Vergleich zu Wasserkraft oder Wärmekraft mehr eingebunden, wenn es um eine Errichtung eines AKWs oder ein Lager für die abgebrannten Brennstäbe geht. Aber Japan ist nunmal ein rohstoffarmes Land. Bis wir nicht eine alternative Energiegewinnung gefunden haben, gibt es keine andere Wahl als Atomkraft.

Ueta: Das Energieproblem hängt stark zusammen mit der Zukunft der japanischen Wirtschaft. Wir haben viele Wahlmöglichkeiten, wenn es darum geht, wie wir den Ausstieg gestalten wollen; welche Gesellschaft wir haben wollen. Es ist nicht verkehrt, dass der Ausstieg zum bestimmenden Thema in dieser Bürgermeisterwahl wird. In den Kommunalverwaltungen war es immer ein Problem, wie man mit solcherlei ungeliebten Anlagen umgeht. Diese Probleme haben nur die Geschädigten, aber nicht die Nutznießer interessiert.

Sawa: Diejenigen Kandidaten, die Atomkraft zu ihrem Thema gemacht haben, sollten folgende Punkte einmal erklären. Wo sollen die Brennstäbe, die für Tokyos Strom verbraucht werden, endgelagert werden? Wie wird die Beteiligung am Wiederaufbau Fukushimas aussehen, als das Gebiet, das den höchsten Stromverbrauch hat? Im Falle einer Katastrophe im Hauptstadtraum; woher wird der Strom zur Instandsetzung kommen? Wie wird man mit dem Kohlendioxidausstoß umgehen? Mit den einfachen Worten “Wachstum ohne Atomkraft” kann man nicht all diese Dinge aus dem Weg räumen, ich wünsche mir eine tiefer gehende Diskussion. (Tokyo Shimbun, 5.2.2014 Morgenausgabe S. 1-2)

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: