NHK lehnt Atomdebatte ab

Vor der Bürgermeisterwahl in Tokyo Anfang Februar hatte sich der öffentlich-rechtliche Sender NHK gegen die geplante Ausstrahlung eines Beitrags zum Atomausstieg entschieden. Am Morgen des 30. Januars sollte im NHK Radio 1 ein Kommentar des Professors Toru Nakakita (62), Tôyô Universität, ausgestrahlt werden. Sein Kommentar beinhaltete, dass auch vom wirtschaftswissenschaftlichen Standpunkt ein Risiko nur durch ein Abschalten der AKWs vermeiden lässt. Einen Tag zuvor, am 29. Januar, wurde bekannt, dass die geplante Ausstrahlung abgesagt wurde. Der Sender begründete die Entscheidung damit, dass man im Wahlkampf nicht das Atomproblem ansprechen wollen würde.

Prof. Nakakita sollte im “Wirtschaftsausblick” des Frühstücksprogramms seinen Kommentar sprechen, dessen Entwurf er einen Tag zuvor dem Sender übermittelt hatte. Darin stand, dass sich die Sicherheitsmaßnahmen sowie die Versicherungskosten, die Wiederinbetriebnahme und die Verluste auf eine gigantische Summe beliefen. Zudem habe man die Kosten für eine Reaktorstilllegung im Voraus nicht berechnet und somit auch nicht in der Gesamtbilanz aufgeführt. Die Kosten für den Rückbau, deren Ausmaß nicht abschätzbar seien, würden zukünftige Generationen tragen müssen. Er fasst zusammen, dass es eine Frage der Kosten sei, einen langsamen Ausstieg oder einen sofortigen Ausstieg voranzutreiben.

Der verantwortliche Direktor des NHK hat wohl verlauten lassen, dass dieses Kommentar auf gar keinen Fall gesendet werden dürfe, Prof. Nakakita lehnte allerdings Änderungen seines Textes ab.

Prof. Nakakita hat im Auswärtigen Amt gedient, ist dann Forscher geworden und war unter der ersten Regierung Abes als stellvertretender Vorsitzender der Strategiekonferenz zum asiatisch-pazifischen Raum tätig. Er hat bereits an anderer Stelle im NHK zum Thema Strompreiserhöhung gesprochen. “Ich vertrete keinen spezifischen Standpunkt. Die Reaktion des Senders ist nicht besonders aufrichtig, sie haben überhaupt kein Problembewusstsein”, so Prof. Nakakita, der nach 20 Jahren das Programm der NHK verlässt. Währenddessen enthält sich der Sender einer Stellungnahme. (Tokyo Shimbun, 30.1.2014 Morgenausgabe S. 1)

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6 comments

  1. Da hatte wohl die Atomlobby ihre Finger im Spiel. Zeigt aber wie embedded die Medien auch in Japan sind. Weisst du ob es dort auch die Unterteilung in Öffentlich/Rechtlich, sowie Privat gibt? Als ich dort war hab ich glaub ich auf jeden Kanal den ich im Hotel hatte (waren aber nicht allzu viele), Werbung gesehen. Zu welcher Art würde NHK gehören?

    1. Hallo Vagabund 🙂
      Vielen Dank für deine Kommentare und Fragen! Ja, absolut, die Atomlobby ist sehr stark in Japan, und mittlerweile bekommt man den starken Eindruck, dass der NHK im Dienst der Regierung seine Pflicht zur unparteiischen Berichterstattung vernachlässigt. Es hat vor einiger Zeit einen Wechsel in der Leitung des Senders gegeben, und der neue Leiter behauptet, so etwas wie die koreanischen Trostfrauen hätte es überall sonst auch gegeben (was ist also daran verwerflich) und wenn der Premier eben den Kriegsgefallenen im Yasukuni-Schrein eine Ehre erweisen will, kann er das tun. Dazu äußert sich der neue Leiter nicht weiter. Ob das nun der Prämisse entspricht, man sei unparteiisch und schweige sich lieber zu allem aus anstatt mehrere Standpunkte vorzustellen…ich finde es jedenfalls besorgniserregend, denn immerhin ist die NHK
      der einzige öffent.-rechtl. Sender (finanziert mit Geldern wie bei uns GEZ) und sollte daher eigentlich unabhängig recherchieren und berichten können….

      http://de.wikipedia.org/wiki/NHK

      1. gut eigentlich hätte ich auch einfach google fragen könne, sorry^^. Ist mir zu dem Zeitpunkt gar nicht eingefalle xD. Whatever, dass das keine Prämisse beim öffentlich/rechtlichen ist unabhängig zu recherchieren sieht man ja auch bei uns, da nimmt der investigative Journalismus auch immer mehr ab (allein wenn man sich die “Nachrichten” anschaut.

  2. Ja, das stimmt zwar, unsere Medien sind nicht so kritisch, wie man sich wünschen würde, oder selbst wenn sie es versuchen, werden sie vielleicht von anderen Kräften gehindert (es gibt ein Ranking der Pressfreiheit; Deutschland 2013 Platz 14 und Japan 59 siehe: http://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/rte/docs/2014/140211_Rangliste_Deutsch_Tabelle.pdf), dennoch ist der Journalismus in Japan sehr viel eingegrenzter, als in Deutschland. Es gibt Pressklubs, in denen man sich so ungefähr einigt, was alle Zeitungen später drucken. Investigativen Journalismus zu betreiben, ist hier nehme ich an relativ schwierig. In Deutschland gibt es den aber, viele Dinge werden und wurden veröffentlicht, ohne die Politiker oder die Wirtschaftsbosse zu schützen. Wenn man hier wirklich die mafiösen Verbindungen offenlegen würde, geriete man sicherlich selbst bald ins Fadenkreuz, also lieber alles so lassen, wie es ist. Augen zu und durch, wie bei Fukushima 😉

  3. jpcontact · · Reply

    Ein Beispiel für die Einflussnahme auf die Medien ist sicher auch die Aufforderung an den Radiomoderator Peter Barakan, während der diesjährigen Gouverneurswahlen in Tokyo das Thema Atomenergie nicht anzusprechen (diesbezüglich gab es einen Artikel in der Japan Times, wenn ich mich nicht irre).

    Naja, ich vermute mal, Masuzoe hätte die Wahl auch ohne derartige Manipulationen gewonnen, die Menschen vergessen halt gerne, weil es angenehmer ist, bestimmte Dinge nicht aufzuwühlen (das sieht man ja auch an dem Wunsch der Einwohner der Region, bestimmte Ruinen nicht als Mahnmal zu erhalten).

    1. Hallo Jpcontact,

      Danke für dein Kommentar! Hast du auch eine Seite, die man vielleicht besuchen kann?

      ja, das ist wohl immer so mit den Menschen, deshalb muss man sich irgendwie bewusst gegen ein Vergessen stemmen, aber das ist eben schwierig und anstrengend. Vielen Dank für deine Anregung, bei Gelegenheit werde ich dem einmal nachgehen! Ich habe übrigens neulich zufällig an die Produktionsstelle des Global Media Service des NHK gelangen können, und dort habe ich frech gefragt, ob denn die neue Medienpolitik Einfluss auf die Produktion hätte, etwa in dem man nicht den Film machen und senden kann, den man gern zeigen möchte. Aber ich bekam als Antwort, dass bisher kein besonderer Einfluss von Momii zu spüren sei. Von anderer Seite habe ich auch schon gehört, dass der NHK sowieso etwas merkwürdig ist, unabhängig vom Geschäftsleiter…

      Viele Grüße

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