Der Atomunfall in den Schulbüchern

  • Prüfung der Schulbücher

Das Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (MEXT) hat am 4. April die Ergebnisse der Prüfung zur Schulbuchzulassung für die Grundschulen veröffentlicht. Weit mehr Artikel sind nun über die Erdbebenkatastrophe in Ostjapan 2011 in den Lehrbüchern zu finden. Außerdem gibt es viele Einträge zur Katastrophenprävention. Andererseits erlaubt der Lehrplan keinen Unterricht zur Atomkatastrophe, weshalb es nur wenige Artikel zu dem Unfall im AKW Fukushima I gibt. Darüberhinaus bleibt die Frage, wie man den Kindern das Thema ‘radioaktive Strahlung’ näherbringt.

  • Wiederaufbau im Vordergrund

Alle vier Jahre werden neue Schulbücher für die Grundschule herausgebracht. Diese müssen dann geprüft werden. In diesem Jahr gab es das erste Mal Schulbücher, die sich direkt mit der Erdbebenkatastrophe befassen. Alle Verlage, die an der Mitarbeit beteiligt sind, wählten die Inhalte mit Bedacht aus, um den Kindern in Fukushima keinen Schaden zuzufügen.

Der Verlag Kyôiku shuppan stellt in seinem Lehrbuch für Gesellschaft der fünften Klasse einen Ort in Iwate vor, in dem zwei Männer in der Fischereiwirtschaft behandelt werden. Sie waren zuvor bereits in dem Lehrbuch vertreten, bevor die Katastrophe stattgefunden hatte, und zu dieser Zeit lautete der Artikel “fleißige Menschen des Fischereibetriebs”. Der revidierte Eintrag zeigt nun die selben Männer, wie sie die einstweilige Einstellung der Fischerei überwunden haben und nun für den Wiederaufbau arbeiten.

Die Herausgeber sind viele Male selbst in die Katastrophengegend gefahren und haben unzählige Gespräche mit den Betroffenen geführt, um herauszufinden, wie der Wiederaufbau genau von Statten geht. “Weil wir eben den Wiederaufbau selbst gesehen haben, möchten wir dieses Gefühl weitervermitteln, was man nur bekommt, wenn man dort hinfährt”, so einer der Herausgeber.

Der Verlag hatte zuvor ein Bild der Folgen des Tsunamis in Iwate abgebildet, bei dem das bekannte Touristenschiff “Himayuri” auf dem Dach einer Pension stehengeblieben ist. Auch ein Foto der Welle, wie sie pechschwarz den Damm übertritt, wurde diskutiert, aber letztlich gegen eines des Wiederaufbaus ausgetauscht.

  • Katastrophenprävention

Der Verlag Mitsumura tosho äußerte die Absicht, Kinder egal welcher regionalen Herkunft auf eine Katastrophe ausreichend vorzubereiten und bereitete daher im Detail Präventionsmaßnahmen für Klasse drei bis sechs auf.

In der dritten Klasse sollen die Kinder üben, den Zufluchtsort in ihrer Nähe ausfindig zu machen. Kinder der fünften Klasse sollen über Informationsverbreitung ohne Maschinen lernen, wie es zum Beispiel die Journalisten der Lokalzeitung zum Zeitpunkt der Katastrophe taten; eine handgeschriebene Wandzeitung mit Fotos und Informationen.

  • Katastrophenmathematik

Auch in Physik und Sport soll das Thema seinen Platz im Unterricht finden. Der Verlag Tokyo shoseki beispielsweise hat Graphen von einer Umfrage der Feuerwehr von Sendai aufbereitet, welche die Kinder auswerten lernen sollen. “Ab der sechsten Klassen fragen sich schließlich die Kinder immer mehr, wozu Mathematik überhaupt gut ist, und so kann man die Erinnerung an das Geschehen aufrecht erhalten und die Kinder auf eine solche etwaige Situation vorbereiten”, so ein Mitarbeiter des Verlags.

  • Donald Keene

Verlag Mitsumura hat den Beitrag Donald Keenes “Ein Wunsch wird wahr – ich werde Japaner” in sein Lehrbuch aufgenommen; der berühmte Japanologe nahm nach der Katastrophe die japanische Staatsbürgerschaft an.

  • Biographie der Atomphysikerin Marie Curie gestrichen

Neun Lehrbücher für drei Schulfächer (Gesellschaft, Sport und Gesundheit, Physik) der Grundschule behandeln das Thema Atomunfall in Fukushima I. Alle Verlage, die diese Lehrbücher herausgegeben haben, hatten Schwierigkeiten, die Lernanforderungen an die Schüler und das Thema des Unfalls und der radioaktiven Verseuchung der Region in Einklang zu bringen.

In den Schulbüchern der sechsten Klasse ist ein Artikel über die Biographie Marie Curies (1867-1934) enthalten und mit ihm eine Erklärung zur radioaktiven Strahlung. Doch nach der Meinung der Prüfer von der Schulbuchzulassung hat dieser Artikel keinen Bezug zu dem Lehrplan der sechsten Klasse. Die Biographie soll durch eine andere ersetzt werden. Ein Sprecher des MEXT begründet die Entscheidung: “Für eine sechste Klasse ist dieses Thema weitaus zu schwierig”.

Die Zuständigen für die Schulbücher äußern sich hingegen: “Nachdem wir die Meinung der Prüfer erfahren hatten, machten wir viele Vorschläge, den Artikel gegen einen anderen auszutauschen, aber auch diese Vorschläge wurden abgelehnt. Wir waren uns im Klaren darüber, dass das Thema ‘radioaktive Strahlung’ schwierig sein würde, aber trotzdem wollten wir es den Kindern beibringen. Es wäre schön gewesen, wenn die Kinder etwas über Marie Curie erfahren hätten.”

Sieben der Lehrbücher für den Gesellschaftsunterricht enthalten Artikel über den Unfall. Von diesen wiederum behandeln vier auch das Thema ‘radioaktives Matrial’. Der Verlag Nihon bunkyô shuppan beispielsweise hält schon für Fünftklässler einen Eintrag über die radioaktive Verseuchung und die Kontrolle der Lebensmittel in der Region bereit.

Die Kinder lernen, dass Japan ein Land mit häufigen Naturkatastrophen ist. Wenn aber die Lehrer den Atomunfall und seine Nachwirkungen den Kindern genauso als eine Lerneinheit unter vielen Naturkatastrophen unterrichten sollen, wird das wahrscheinlich Kritik auf sich ziehen. Anderseits sollte man ihnen dann einfach einklären, dass es die Gesellschaft war, die eben solche AKWs gebaut hat.

In den Lehrbüchern des Verlags Tokyo shoseki für die sechste Klasse nimmt der Wiederaufbau des Katastrophengebiets mehr Platz ein bei anderen Verlagen. Um die Bilder der Verwüstung zu umgehen, nimmt der Verlag lieber Fotos, die Kinder zuhause spielend zeigen. “Um die Aufräumarbeiten zu beenden und alle Ängste vor Strahlung zu beseitigen, braucht es noch viel Zeit”, so steht es in dem Lehrbuch.

(Tokyo Shimbun, 5.4.2014 Morgenausgabe S.11)

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4 comments

  1. Was hälst du von den Maßnahmen? Zu lasch, zu übertrieben? angemessen? Ich kanns ehrlich gesagt schlecht einschätzen, aber es hört sich zumindest nach einem Schritt in die richtige Richtung an.

  2. Hallo Vagabund 🙂 Danke für das Kommentar! Ja, na ja ich denke mal, dass das schon die richtige Richtung ist, ich finde, Kinder sollte man erstmal schon schützen. Aber ich fänd’s falsch, wenn man nicht auf Fragen antworten würde. Wenn also die Kinder zum Beispiel etwas über radioaktive Strahlung wissen wollen, sollte man ihnen auch angemessen antworten. Ich denke, da gibt es bestimmt einen guten Mittelweg, aber vielleicht braucht das noch etwas. Generell muss man aber sagen, dass die Atmosphäre durch die Geheimhaltungsgesetze und so weiter nicht so gut ist, die Regierung versucht die Kinder nun patriotischer zu erziehen, und das könnte natürlich auch ein Grund dafür sein, warum die Atomkatastrophe weggelassen hat. Schwer zu sagen…

    1. Ich dachte immer Japaner seien schon von Natur aus, sehr patriotisch :D. Nein spass beiseite. Es muss einfach mit sowas offen umgegangen werden, aber das Regierungen lust haben gewisse Dinge zu vertuschen ist ja allgemein bekannt. Ich denke schon, dass auch kleine Kinder die Ausmaße dessen verstehen können und sollten, von daher finde ich die Punkte unter Katastrophenprävention schon plausibel und gut. Aber mal schauen was kommt und was vorallem noch alles ans Tageslicht kommt. Hatte ich dir schonmal das Interview mit Holger Strohm empfohlen? Wenn nicht kannste mal auf YT suchen, das verdeutlicht sehr gut die ganze Atomsache.

      Beste Grüße =)

  3. Hallo Vagabund, ja genau, das sehe ich auch so. Ja, ich hatte dein Video mal hier ge-rebloggt oder wie das heißt auf Neudeutsch^^ aber als ich grad mal den etwas älteren Post gesucht habe, war das Video irgendwie nicht auf meiner Seite zu finden, vielleicht sollte ich das Video noch mal raufstellen. Ich habe zu Weihnachten das Buch, die Atombibel sozusagen, geschenkt bekommen und arbeite mich jetzt stückchenweise durch die 1200 Seiten. Obwohl natürlich viele Zahlen nicht mehr aktuell sind, ist es doch erstaunlich, wie sehr die Argumente heute noch gelten. Hat sich nicht viel verändert an der Atomkraft in den letzten 40 Jahren…. ist eben einfach gefährlich und sollte abgeschafft werden.

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