Evakuierungsanordnung kam zu spät – Der Fall Iitatemura (Teil 1)

Vor einiger Zeit habe ich über einen Dokumentarfilm geschrieben. Der Titel des Films lautete “Das Vermächtnis: wenn es nur keine Atomkraft gäbe” und handelte von einem Dorf in Fukushima, dass außerhalb der Evakuierungszone liegt, aber trotzdem stark verstrahlt wurde. Die Anweisungen an die Bevölkerung, den Ort zu verlassen, wurden erst Monate später gegeben. Ich bin auf einen langen Artikel über dieses Dorf (Iitatemura) gestoßen, und möchte an dieser Stelle als Nachtrag zum Film den Artikel zugänglich machen.

Evakuierungsanordnung kam zu spät – Der Fall Iitatemura

Wie stand es eigentlich um die Strahlungswerte kurz nach der Atomkatastrophe? Auch heute, drei Jahre nach der Katastrophe, bleiben viele Fragen offen. Direkt nach dem Unfall im AKW Fukushima Daiichi war das Chaos in der Regierung groß, trotzdem traf vor allem das Dorf Iitatemura die verzögerte Evakuierungsanordnung hart. Auch wenn die Strahlungswerte der Dorfbewohner mittlerweile gemessen werden – das Vertrauen ist unwiederbringlich zerstört. In ihrem Zorn verlassen sich die Bewohner vor allem auf einen Atomexperten.

“Ich glaube weder der Regierung, noch der Präfektur, noch dem Bezirk”, so sagt der Landwirt und Bezirksbürgermeister von Maeda, Ken’ichi Hasegawa(60). Sein Zorn ist noch immer nicht verraucht.

Das ganze Dorf Iitatemura wurde zwangsevakuiert. Derzeit wohnt Hasegawa mit seiner Frau Hanako (60) und den Eltern in einer vorläufigen Unterkunft in der Stadt Date, Fukushima. Weil er den Medien und der Regierung nicht traut, macht er sich selbst auf, um durch Vorträge etc. über die Lage zu informieren. Er möchte zeigen, wie er in den ersten Monaten verstrahlt wurde.

Zum Zeitpunkt der Katastrophe, im März 2011, lebte Hasegawa in einem Vier-Generationenhaushalt. Man wusste um den Unfall im Kraftwerk am 12. März, “aber es waren 40 km von dort bis zu uns. Wir dachten, bis hier her kann die Strahlung nicht kommen, wir lebten ganz normal weiter.” Zwei Tage später, am 14. März, wurde langsam das Ausmaß klar. Um das Bürgermeisterhaus stiegen die Werte auf über 40 μSv pro Stunde. Das ist 170 Mal mehr, als die Zielvorgaben für die Dekontamierung – eine durchschnittliche Person darf demnach im Jahresmittel nicht mehr als 0,23μSv pro Stunde exponiert sein.

In den drei Tagen nach dem Tsunami wurden die Menschen aus den betroffenen Gebieten evakuiert, darunter die Stadt Namie und Minamisôma. Hasegawa hat derweil frisch gemelkte Milch erwärmt und an fünf Leute verteilt. “Ob das in Ordnung war?!”, fragt er bangen Herzens.

Am 15. März rief Hasegawa die Dorfbewohner zusammen und ermahnte sie: “Geht nicht voreilig raus”, “Esst nicht das Gemüse, das von draußen kommt!”. Am 16. März drängte er seinen ältesten Sohn und die Enkel, zur Verwandschaft nach Chiba zu gehen. Auch andere Dorfbewohner taten es ihnen gleich. Aber nach einer Woche kamen viele wieder zurück. “Es war zu schwer für sie, bei der Verwandschaft zu bleiben, fern von ihrer angestammten Heimat. Sie kamen also einfach wieder zurück.”

Entgegen dem erstarkenden Gefühl der Angst und Unsicherheit, besuchte Ende März eine Gruppe Professoren in der Rolle des Beraters für radioaktive Strahlung der Präfektur das Dorf. “Machen Sie sich keine Sorgen”, das war, was sie den Bewohnern mitteilten. “Stimmt das, kann das sein? Ich konnte es nicht glauben”, so Hasegawa.

Einen Monat später, am 22. April, ließ die Regierung die Evakuierung verlauten. Bis die Evakuierung tatsächlich stattfand, verging ein weiterer Monat.

Die 20 km Sperrzone wurde direkt nach der Katastrophe aufgestellt. Obwohl in Iitatemura hohe Strahlungswerte gemessen wurden, hatte man sich darauf berufen, dass der Ort ja außerhalb der Sperrzone läge, und deshalb sah man keine Notwendigkeit, einzugreifen.

“Das Urteil der Regierung kam zu spät. Was sollten die Worte ‘machen Sie sich keine Sorgen’ der Berater der Präfektur, was sollte das?! Die Einwohner haben nur gesagt, ‘Gott sei Dank, dann ist ja alles in Ordnung’.”

Nachdem sich Hasegawa um den Verbleib seiner Nachbarn gekümmert hatte, verließ auch er am 2. August 2011 das Dorf. (Tokyo Shimbun, 12.5.2014 Morgenausgabe S.20)

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2 comments

  1. Sehr schön, mal wieder eine klasse Arbeit von dir, vielen Dank für die Mühen! Mich würde mal interessieren, ob sich deine Zugriffszahlen in den letzten Monaten erhöht haben, da das Thema ja durchaus wichtig ist und jeden angehen sollte. Wie ist da die Resonanz? Bist du zufrieden? Anhand der Kommentare lässt sich leider nicht viel abgewinnen, da spam ich wahrscheinlich am meisten rum^^.
    Ich hab mir mal erlaubt vor einiger Zeit, deinen Blog in ein Manga/Anime Forum mit Hauptaugenmerk auf One Piece zu posten (leider gabs da auch nur minimal Rückhall), falls also irgendwann mal Aufrufe vom Pirateboard kamen und vielleicht auch noch kommen, nicht wundern^^.

    1. Was ich noch vergessen habe. Falls du Anime schaust, empfehle ich dir die 13-teilige Serie Arjuna (gibts auf deutsch, einfach mal googlen =)), dort wird das Problem Atomenergie u.a. auch thematisiert, zudem noch ein paar andere wichtige Dinge was unsere moderne angeht. Sehr schön gemacht auf jedenfall.

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