Dem Schilddrüsenkrebs auf den Fersen (Teil 2)

Auf der Fachgebietsversammlung im vergangenen März äußerte sich auch Prof. Kenji Shibuya (Universität Tokyo) kritisch: “Auf der Grundlage der jetzigen Forschungsergebnisse können wir keine Einschätzung geben.” Um das Ausmaß des Vorkommens von Schilddrüsenkrebs zu bemessen, hat das Umweltministerium eine Vergleichsuntersuchung mit den drei Präfekturen Aomori, Yamanashi und Nagasaki angeordnet. Aber Prof. Shibuya problematisiert auch hier die Versuchsanordnung von rund 400 000 Probanden in Fukushima, demgegenüber 5000 Probanden aus den drei Präfekturen stehen. “Die Proben aus Fukushima sind verschieden, es besteht die Gefahr, dass die Untersuchung tendenziös wird.”

Der Fachgebietsleiter Prof. Kiyomizu sagt dazu: “Zu diesem Zeitpunk ist es schwierig, bei einem kleinen Krebsgeschwür festzustellen, ob dieses sich in der Folge des Unfalls entwickelt hat, oder nicht.” Die Medizinische Universität Fukushima äußert sich weder zu der Größe der Geschwüre noch zu ihrer Verbreitung.

Bei einer Konferenz am 10. Juni zweifelte Prof. Kiyomizu auch die allgemeine Annahme an, der Krebs in Tschernobyl wäre erst vier Jahre nach dem Unfall aufgetreten. Man könne, ohne diese etablierte Meinung aufzugeben, nicht klar über die Tatsachen urteilen, so sein Anstoß.

Als bekannt wurde, dass die Kommissionsmitglieder geheime Treffen abhielten, wurden sie im Mai letzten Jahres ausgetauscht. Ein halbes Jahr später fiel der Startschuss für die Fachversammlungen. Es sind vorallem die neuen Mitglieder, die sich nun gegen das unpräzise Vorgehen der Universität wehren.

Der Vorsitzende des Kommitees, Hokuto Hoshi (geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Ärtzeverbands Fukushima), betont bei jeder Versammlung, dass nicht auf einen Zusammenhang zum Unfall geschlossen werden könnte. Prof. Kiyomizu stellte bei der Versammlung am 10. Juni klar, dass dies nur die Meinung eines einzelnen wäre, die leider ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden hätte. Ohnehin ist die Zeit für eine Diskussion zu knapp bemessen, als dass man die Debatte so einfach zusammenfassen könnte.

Alle einer Meinung – ganz ohne Diskussion?

Die Kommission wie auch die Fachgebietsversammlung trifft sich ca. ein Mal in drei Monaten, dann zu Sitzungen von zwei bis drei Stunden. In diesen Sitzungen erörtert die Universität die Krebsraten und die meiste Zeit geht bei der Detailkontrolle verloren. Auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung wird daher kaum eingegangen, die Antwort ist und bleibt “schwer vorstellbar”. Warum also hat die Universität unter diesen Umständen das Trugbild der “Einstimmigkeit” nach außen getragen?

Zu Beginn der Untersuchung wurde das Ziel im ersten Entwurf bereits klar formuliert: “Es wird nicht erwartet, zu diesem Zeitpunkt strahlungsbedingten Krebs festzustellen”, und anscheinend richtet man sich nach dieser Prämisse.

Laut eines Berichts vom Mail 2011, der dieser Zeitung vorliegt, sollten die Untersuchungen auf Schilddrüsenkrebs erst in diesem Jahr (2014) im Herbst beginnen. Selbst im Juni des Jahres 2011 berief man sich darauf, auch bei Tschernobyl erst nach vier bis fünf Jahren Krebs entdeckt zu haben. Das bedeutet, man hatte schon 2011 das Urteil gefällt, vor 2014 keinen Schilddrüsenkrebs zu finden.

Die Durchführung der Untersuchung wurde schließlich doch früher angegriffen, jedoch nicht, weil man das Urteil revidierte. Im Anhang des Untersuchungsentwurfs von Juni 2011 befindet sich eine Notiz: “Hr. Kosako wünscht sich Untersuchungen für Kleinkinder, man weiß nicht, ob die breite Meinung in die gleiche Richtung tendiert, und man früher mit den Untersuchungen beginnt.” Hr. Kosako, eigentlich Prof. Toshi Kosako (Universität Tokyo), war der Berater des Kabinetts bis zum April 2011, bis er aufgrund seiner Bedenken gegenüber der Regierungspolitik zurücktrat.

Die Aufzeichnungen der Diskussionen zu jenem Zeitpunkt lauten: “Untersuchungen auf Schilddrüsenkrebs sind nach drei Jahren angebracht, aber es geht auch nicht, vorher gar nichts zu tun”. So erscheint es, als ob vielmehr die Reaktionen gesellschaftlich wichtiger Peronen und die öffentliche Meinung die Vorverlegung der Untersuchung beeinflusst hätten.

Trotz allem, die vorgefertigten Ergebnisse lassen sich damit nicht vom Tisch räumen. Schließlich wiederholt die Universität immer nur dieselben Worte – in Tschernobyl trat Krebs erst nach vier Jahren auf und überhaupt sei die Strahlungsmenge geringer in Fukushima.

Bei der Pressekonferenz im Mai sagte der Vorsitzende Hoshi, das erste Ziel der Kommission sei nicht, die Ursachen und die Auswirkungen herauszufinden. Zu der Tatsache, dass den Personen, bei denen Krebs entdeckt wird, nicht genug Hilfe beikommt, antwortete der Kommiteechef: “Den Menschen, die befürchten, ihre Gesundheit sei gefärdet, muss eine Lösung angeboten werden.”

Kanna Mitsuta, Vorstandsmitglied des Verbands FoE Japan, der den Katastrophenopfern hilft, äußert ihr Verständnis: “denkt man an die Gesundheit der Kinder, ist es in gewissem Sinne richtig, was Hoshi sagt.”

Und trotzdem, in dem oben zitierten Dokument findet sich weiter, dass Entschädigungen nur in dem Ausmaß gezahlt werden sollen, wie auch Krebs entdeckt wird und dieser eindeutig im Zusammenhang mit dem Unfall steht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, die wahren Zusammenhänge und die Entschädigungen werden möglichst im Unklaren gehalten.

“Die Auswirkungen auf die Gesundheit hängen stark mit der Frage zusammen, wer welche Verantwortung übernimmt. Aber davon unabhängig ist Priorität der Untersuchung der genauen Zusammenhänge”, so Mitsuta.

Redaktionsmemo:

Die wahre Situation in Fukushima liegt nach wie vor im Dunkeln. Das betrifft das Anfangsstadium der Strahlungsexposition und auch nach der Untersuchung Yoshida. Die Regierung, die von “Sicherheit für das Volk” spricht, schließt nicht einmal das Leben der Selbstverteidigungsstreitkräfte darin ein. Wie sehr also beeinträchtigt die Unzugänglichkeit von Informationen die Nachforschung, bei einem Thema wie Atomkraft, das die Menschen so dirket betrifft. Ist es nicht alles ein Abwägen der eigenen Gewinne, ein Spiel nach den Regeln, die einem selbst am besten passen? (Maki) (Tokyo Shimbun, 15.6.2014 Morgenausgabe S.29

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