Die Yoshida-Protokolle

Untersuchungsbericht des Atomunfalls nun öffentlich zugänglich

Die Regierung hat am 11. September den Unfallbericht des Untersuchungsausschusses über den Atomunfall im Kraftwerk Fukushima I veröffentlicht. Darin sind unter anderem Aussagen von Masao Yoshida (zum Zeitpunkt verantwortlicher Leiter Fukushima I) und Naoto Kan (zum Zeitpunkt Premier) enthalten. Yoshida hatte durch den totalen Stromausfall in der Anlage keine Übersicht über die Reaktorwerte und wurde durch falsche Messangaben irregeführt. Es waren für ihn Stunden der Verzweiflung und der Panik. Auch im Büro des Premierministers stand man aufgrund fehlender Informationen vor einer Reihe von Missverständnissen.

Außer Kontrolle

Ein Atomkraftwerk funktioniert von den Ventilen über den Antrieb der Pumpen, bis hin zu den Messwerten mit elektrischem Strom. Auch die Anleitung im Katastrophenfall wird unter der Voraussetzung gegeben, dass der Schalter umgelegt ist. Der Untersuchungsbericht zeigt, wie verletztlich und hilflos die ganze Anlage wird, wenn kein Strom mehr fließt.

Die Messgeräte gaben eins nach dem anderen den Geist auf, und Yoshida hatte nichts mehr, um den Zustand des Kraftwerks einschätzen zu können. Am 11. März 2011 verließ man sich auf die Wasserstandmessgeräte des haverierten Reaktors 1 und nahm an, dass die Notkühlanlage (IC) reibunslos funktionierte. Trotzdem der Kern schmolz und radioaktive Strahlung freigesetzt wurde, veränderte sich der Wasserstand nicht. Niemand kam auf die Idee, es ginge etwas Merkwürdiges vor sich.

Durch diesen Unfall wurde auch klar, wie gefährlich es ist, wenn mehrere Reaktoren nebeneinander stehen. Mit der Wasserstoffexplosion am folgenden Tag wurde die Wasserzufuhr von dem Reaktor 3 in die Luft weggesprengt und hatte damit wertvolle Zeit zum Handeln genommen. Am 14. März explodierte auch der Reaktor 3. Die Wasserzufuhr für den Reaktor 2 war beschädigt, und Yoshida wollte unter allen Umständen Wasser auf den Reaktorkern bringen, bevor dieser freiliegen würde. Es war eine  Verkettung von unglücklichen Umständen.

Die Wasserzufuhr auf den Reaktor 2 kam zu spät. “Wir dachten, wir würden nun sterben”, und tatsächlich hätte die Gefahr größer nicht sein können. Man versuchte zwar, im Reaktor 2 durch die Abzugslüftung Druck aus dem Reaktordruckbehälter abzulassen, aber die Ventile verstopften sofort und der Druck im Behälter war zu hoch, als das Wasser hätte eingeleitet werden können.

“Wenn es so bleibt, kommt es zur Kernschmelze, der Reaktordruckbehälter wird zerstört und die Brennstäbe liegen frei.” Wenn das passiert, wird die Strahlung in Fukushima I so hoch sein, dass man keine Arbeiten mehr durchführen kann. Die Wasserzufuhr in den Reaktoren 1 und 3 würde stoppen, und das Kühlwasser in den Abklingbecken würde anfangen zu sieden.

“Wenn sich die radioaktive Strahlung bis auf das Kraftwerk Fukushima II ausbreitet, können wir vier Meiler nicht mehr bedienen.“ Es würde das schlimmste anzunehmende Szenario, das Premier Kan (zum Zeitpunkt des Unfalls) von der JAEC kalkulieren ließ. Am Morgen des 15. März konnte der Druck aus dem Reaktor 2 durch eine Explosion in der Kondensationskammer entweichen. Dadurch konnte eine Wassereinspeisung wiederhergestellt werden und die schlimmste Katastrophe verhindert werden.

Weiterführende Links zum Thema Yoshida-Protokolle (spreadnews)

http://www.spreadnews.de/fukushima-aktuell-bereits-erste-seiten-der-yoshida-protokolle-sorgen-fuer-wirbel/1141985/

Aufbau AKW Fukushima:

http://news.preisgenau.de/reaktorunfall-von-fukushima-wie-kam-es-zum-atom-ungluck-in-japan-19110.html

Ablauf des Unfalls (Wikipedia):

http://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Fukushima#Stromanschluss_und_K.C3.BChlma.C3.9Fnahmen

Der Premier glaubt an den vollständigen Rückzug

Aus dem Unfalluntersuchungsbericht der Regierung wird klar, wie groß die Verwirrung beim Premierminister Kan und den anderen Befragten war. Dazu trug in nicht geringem Maße der Mangel an Informationen von Seiten Tepcos bei.

Obwohl der Druck noch nicht aus den Reaktoren geleitet worden war, wollte Priemer Kan einen Tag (12. März) in den Helikopter steigen, um den Unfallort selbst zu inspezieren. Sein Generalsekretär Yukio Edano (zum Zeitpunkt) riet ihm davon ab, in der Sorge, dass es eine negative politische Wirkung haben würde. Auch der Sonderberater Gôshi Hosono äußerte Bedenken, aber weil es “bei diesem Premier klick gemacht” hat, blieb er zurückhaltend. Premier Kan wollte in jedem Fall mit den Verantwortlichen am Unfallort sprechen. Schließlich trage er die Verantwortung – mit diesen Worten hob er vom Boden ab.

Hosono hatte im Nachhinein Gewissensbisse, und fragte nach, ob man nicht die Abzugsöffnung zu spät geöffnet hätte. Aber der verantwortliche Leiter Yoshida versicherte, dass “das überhaupt keinen Einfluss hatte”.

Am Abend des 14. März befand sich der Reaktor 2 in einem instabilen Zustand und durch Informationen von Tepco kursierte im Premierministerbüro, dass alles Personal abgezogen wurde.

Aber Yoshida war geblieben. “Ich habe nie gesagt, dass alle sich zurückziehen sollen”. So wurde der Teil, den er hinzufügte, nämlich “Rückzug mit Ausnahme der nötigen Personen” nicht von Tepco übermittelt. Dies wurde zum Fallstrick und zur Ursache vieler Missständnisse.

Edano telefonierte mit Masataka Shimizu, zum Zeitpunkt Präsident von Tepco, und bestätigte, dass “ohne jeden Zweifel alle Personen abgezogen wurden. Ganz sicher.” Auch der Wirtschaftsminister Banri Kaieda glaubte den Worten des Tepco Chefs.

Auch Hosono war der festen Überzeugung, alle hätten sich zurückgezogen, denn “diese Leute, die bisher sagten, es würde schon irgendwie werden, hatten plötzlich selbst Angst bekommen und die Situation sah tatsächlich auswegslos aus”. (Tokyo Shimbun, 12.9.2014 Morgenausgabe S.1)

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