Fukushima heute – ein Reisebericht (Teil 2)

Industrie- und Handelskammer Fukushima

Das Thema Imageschaden durch Gerüchte und die allgemeine Wirtschaftslage beschäftigt uns noch etwas länger. Wir fahren zur Industrie- und Handelskammer Fukushima und ich spreche mit Yoshihiro Sôma, ein Berater für kleine und mittelständische Unternehmen in der Abteilung für Unternehmensbetreuung. Er bestätigt mir, dass vor allem die Agrarwirtschaft und auch der Tourismus von dem Imageverlust betroffen sind. Die Schülerstudienreisen verringerten sich um 60% im Vergleich zu den Zahlen vor der Katastrophe. Und das obwohl die Schülergruppen größtenteils in die Aizu-Region fahren, die von dem Fallout nicht betroffen war. Der allgemeine Tourismus hat sich aber zu 80-90% erholt, so Sôma. Die Zahlen für 2013 lagen bei 48 Mio., 2010 vor der Katastrophe kamen 57 Mio. Touristen und einen starken Einbruch gab es 2011 mit nur 35 Mio. Besuchern in der Präfektur. Zum Vergleich: in Bayern übernachten jährlich 84 Mio. Touristen. (siehe Präfektur Fukushima)

Einen weiteren Faktor stellt der Wegzug von Müttern da; Wirtschaftszweige, die sich vor allem auf diese Gruppe konzentriert haben, müssen sich umorientieren. Die Väter können in der Regel ihren Arbeitsplatz nicht so leicht aufgeben, aber die Mütter ziehen aus Angst mit den Kindern in andere Präfekturen.

Andererseits sind viele Städte in Fukushima durch die Flüchtlinge aus den Küstenregionen gewachsen. Insgesamt gibt es ca. 71 000 Flüchtlinge innerhalb der Präfektur und ca. 47 000 Personen, die Fukushima verlassen haben und in andere Präfekturen umsiedelten. (siehe Mainichi, Präfektur Fukushima)

Wirtschaftlichen Aufschwung für die Präfektur bringen besonders die Arbeiter am und um das AKW, die Dekontaminierungsarbeiten durchführen. Sie bekommen viel Geld für ihre Arbeit. Allerdings bringt das keine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, denn sobald die Dekontaminierung abgeschlossen ist, werden sie in ihre Heimat zurückkehren, und nicht mehr in Hotels schlafen und abends zum Essen ausgehen.

Durch den Wiederaufbau der Tsunami-Region erlebt auch die Baubranche einen Boom. Doch die Problematik ist dieselbe, wenn erst einmal die Projekte abgeschlossen sind, versiegen die Investitionen.

Abgesehen von diesen Bereichen sucht Fukushima viele Arbeitskräfte. Es fehlt vor allem an Servicekräften, in der Baubranche, und beim Kleinhandel. Jedoch stellen die meisten Arbeitgeber nur auf Teilzeit an, denn in der jüngsten Vergangenheit wurden viele fest übernommen, und so sind diese Stellen größtenteils besetzt.

Außer Landwirtschaft und Tourismus gibt es weitere Wirtschaftszweige, beispielsweise den Energiesektor (Fukushima erzeugte Strom für Tokyo) aber auch Einzelhandel, Zulieferer und Industrie. Für die Produkte werden zum Teil Kontrollen verlangt, besonders, wenn die Endprodukte später ins Ausland geliefert werden sollen. (siehe Präfektur Fukushima)

Feststeht, dass viel Geld fließt und viele Unternehmungen günstig finanziert werden. Der Wiederaufbau ist im Gange und eigentlich wäre es die Chance, etwas aufzubauen, so erläutert Yoshihiro Sôma. “Vor allem ist es wichtig, attraktive Unternehmen zu gründen, die langfristig bestehen können.” Das wird die große Aufgabe sein, vor die sich Fukushima in Zukunft gestellt sieht.

Flucht vor der Strahlung

Wiederaufbauen, nach vorne blicken – Kôhei Tanaka sitzt mir gegenüber und erzählt mir von dem Tag, als die AKW-Explosion ihm alles nahm. Am 12. März 2011 ging die Nachricht um, es gäbe Schwierigkeiten Kernkraftwerk. Tanaka flieht auf eigene Faust mit dem Auto samt Mutter und Ehefrau von dem Fischerort Namie, der nur ca. 10 km entfernt vom AKW liegt. Sie fuhren nach Norden, bis in die nahegelegene Stadt Minami Sôma. Erst auf dem Weg hörten sie von der Explosion. Die Radioaktivität in der Luft betrug bereits 7,6 Mikrosievert, doch zu diesem Zeitpunkt konnten sie mit diesen Zahlen noch nichts anfangen. Kurz darauf am 14. März flohen sie weiter nach Fukushima Stadt.

Der Bürgermeister von Namie erfuhr am Morgen des 12. März, dass Namie zur Evakuierungszone erklärt wurde. Es gab weder Informationen von der Regierung, noch von der Präfektur oder gar von Tepco. Zunächst hieß es, ein Gebiet von 10 km Radius rund um das AKW solle aufgrund von Schwierigkeiten im Kernkraftwerk evakuiert werden. Baba entschied, die Menschen in Namie sollen sich in die weiter westlich gelegene Ortschaft Tsushima retten. Rund 8 000 Personen befolgen die Anordnungen der Stadt (zum Zeitpunkt ca. 21 000 Einwohner). Um 15:30 Uhr Ortszeit explodierte Block 1 und die Strahlung verteilte sich mit dem Wind u. a. Richtung Tsushima. Niemand ahnte, dass die Flüchtlinge dort vier Tage lang einer viel zu hohen Strahlendosis ausgesetzt waren. Erst am 15. März, nach der zweiten Explosion flohen sie weiter nach Nihonmatsu. (siehe Interview Bürgermeister Baba, Institute for Global Environmental Strategies, Minpo)

Heute liegt Tsushima innerhalb der Zone, in die man nicht mehr zurückkehren kann. Namie hingegen ist in drei Bereiche aufgeteilt, die “zone in preparation for the lifting of the evacuation order,” “restricted residence area,” und “difficult-to-return zone.”

Die drei Zonen

Die drei Zonen

Tanakas wohnte nah am Bahnhof Namie, heute liegt dieser Teil der Stadt in der “zone in preparation for the lifting of the evacuation order”. Aus Angst vor der Strahlung verließ er sein großes Haus, in dem er auch seinen Frisörsalon hatte. Heute ist es ein Geisterhaus.

Mit ruhiger Stimme erzählt er, dass er bei der Explosion wahrscheinlich sogar die Fenster offen hatte. Später kam er zurück, um ein paar Messer und Gebrauchsgegenstände zu holen.

Tepco hatte bereits am Tag des Erdbebens Busse bereitgestellt, um seine Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. Ôkuma beispielsweise wurde schon am Morgen des 12. März evakuiert. Doch Namie liegt außerhalb der AKW-Grenze, niemand hier wurde so schnell gewarnt. Heute kann man dort nicht mehr leben. Selbst wenn die Aufräumarbeiten Teile der Stadt wieder bewohnbar machen, die Gemeinschaft ist zerstört, die jungen Leute werden nicht zurückkommen, und Arbeit gibt es dort auch nicht. Bei einer Umfrage im Januar antworteten nur 17,6%, sie würden gern nach Namie zurückkehren. (siehe Präfektur Fukushima)

Viele von ihnen wohnen seit der Katastrophe in provisorischen Unterkünften. Mittlerweile ist dort ein neuer Zusammenhalt entstanden. Doch Tanaka wohnt in einem älteren Wohnhaus in Fukushima Stadt, die Nachbarn um ihn herum kennt er nicht. Seine Mutter bekam eine Unterkunft etwas entfernt von ihm. Für sie ist es eine ganz neue Umgebung, die Nachbarn sind ihr fremd – ihre Demenz schreitet dadurch schneller voran.

“Es gibt wie bei allem eine gute und eine schlechte Seite”, sagt Tanaka. “Ich habe beispielweise viele Menschen kennengelernt und viele neue Erfahrungen in verschiedenen Jobs gemacht. Besonders die Beziehungen zu den Menschen sind mir wichtig.” Was er heute über Tepco denkt, frage ich. “Wir verdanken Tepco auch viel. Durch das Kraftwerk gab es viele Arbeitsplätze, und dass so ein Unfall geschehen könnte, hätte niemand gedacht. Doch es ist passiert, und niemand kann etwas daran ändern.”

Trotzdem – hätte Tepco bessere Schutzmaßnahmen ergriffen und einen höheren Tsunami-Schutz gebaut, wäre einiges verhindert worden. Jetzt lebt Tanaka in einer kleiner Wohnung, mit unbekannten Nachbarn in einer fremden Stadt. Er hat keine feste Arbeit und hat keine Aussichten, wieder als Frisör in Fukushima Stadt anfangen zu können. Schließlich tritt man ungern in Konkurrenz mit den ansässigen Frisörsalons.

Tepco zahlt eine gewisse Summe als Ausgleich, aber auch das bereitet Nährboden für Vorurteile vonseiten der Menschen außerhalb der Evakuierungszonen. In der Regel verbirgt Tanaka seine wahre Herkunft, “man möchte einfach nicht besonders behandelt werden.” Auch mich bittet er, seinen Namen nicht zu nennen. Niemand solle wissen, dass er aus der Zone kommt. Ob er gegen Atomkraft sei? “Man kommt einfach nicht so schnell weg von der Atomkraft. Selbst die Politik ist von der Atomkraft abhängig. Ich denke schon, dass erneuerbare Energie gefördert werden sollte.” Aber er persönlich habe momentan mehr Angst vor dem Ausgang der Aufräumarbeiten.

Trotz allem bleibt Tanaka positiv. Er hat verschiede Pläne, Unternehmensideen für die Zukunft. Was er sich von den Menschen wünscht? “Schaut die Stadt an, macht euch mit Namies Gegenwart bekannt. Ich freue mich, wenn die Leute Anteil an dem Schicksal der Bewohner nehmen.” (Teil 3 folgt)

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