Kein Verständnis für 20 mSv

Aufhebung der Evakuierungszone – der Entschluss der Bewohner von Minami Sôma (Bilder)

Am 17. April diesen Jahres haben 530 Personen aus Minami Sôma gegen die Aufhebung der Evakuierungsanweisungen an einigen Hotspots in ihrer Heimat geklagt. Darüberhinaus verlangen sie vom Staat pro Person eine Entschädigung von 100 000 Yen.

Yôichi Ozawa, Mitglied der Klägerschaft mit Namen “Verein für die Förderung der Evakuierungszone in Sôma”, setzt sich gegen die Richtlinie von 20 mSv ein. “Diese Klage soll vor allem zeigen, dass es nichts Wichtigeres als ein Menschenleben gibt.” Wir begleiten Ozawa durch seine Heimatstadt.

Es sind 152 Häuser, die sich in der besonderen Evakuierungszone befinden. Sie liegen am äußeren Rand der Stadt (die Hälfte im Westen von Minami Sôma, der Rest im landwirtschaftlichen Gebiet von Abukuma). Die Entfernung zu Fukushima beträgt ca. 25 km. Die Strahlungswerte in diesem Gebiet sind hoch genug, dass es eigentlich hätte evakuiert worden können. Allein durch die willkürliche bürokratische Aufteilung stehen diese Häuser heute außerhalb der normalen Evakuierungszone. Nachdem die Behörden allerdings festgestellt hatten, dass die Werte doch zu hoch waren, veranlassten sie nachträgliche Maßnahmen. Wenn die jährliche Menge an radioaktiver Strahlung mehr als 20 mSv beträgt, sollen nun beispielsweise Mütter mit Kindern oder Schwangere evakuiert werden.

“Es war ein drastischer Schnitt”, so Ozawa, “es gab Kinder der selben Schule, von denen einige offiziell evakuiert wurden und andere nicht. Die, welche nun als offiziell gefährdet gelten, bekommen Hilfsgelder, medizinische Versorgung, Geld für Steuern, Gas und Strom sowie für den TV-Anschluss (NHK). Der Rest der Bewohner, der auf eigene Kosten geflohen ist, hat große finanzielle Schwierigkeiten. Jeder würde dieses Urteil als unvernünftig empfinden.”

Auch in Date und Kawauchimura (Präfektur Fukushima) gab es Gebiete, die speziell evakuiert wurden; dort hat die Regierung allerdings die Anweisungen im Dezember 2012 widerrufen. Auch die Evakuierungsanweisungen für Minami Sôma wurden im letzten Jahr zurückgenommen. Die Erklärung dafür war, dass die jährlichen Werte unterhalb von 20 mSv lägen.

Doch nun setzen sich die Bürger über diesen Schnitt durch Stadt hinweg und vereinigen sich. Der Vorsitz der Gruppe, Shûichi Kanno, erklärt: “Es ist schon erstaunlich, dass 20 mSv pro Jahr als Richtlinie gelten. Davon abgesehen ist es nicht gerade glaubhaft, dass sich die Werte tatsächlich unter 20 mSv bewegen. Falls dennoch die besonderen Evakuierungsgebiete verschwinden sollten, wird dieses Gebiet einfach wieder zu dem, was es vorher war, ein ganz normales Gebiet. So versucht Tepco, sich um die Entschädiung zu drücken.”

Kein Zweifel, die Werte sind erschreckend hoch. Als wir mit Ozawa durch die Stadt laufen und Proben nehmen, finden wir mehrere Stellen knapp über dem Boden auf Feldern, die mehr als 10 µSv aufweisen. Die Regierung geht bei ihrer Berechnung von 3,8 µSv pro Stunde aus, aber diese Funde allein überschreiten die Richtwerte mit Leichtigkeit. Der Vorsitzende Itsuo Suenaga von der Fördergruppe “Evakuierung Minami Sôma” sagt: “Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie bis zu den Olympischen Spielen fertig werden wollen, jedenfalls betreibt die Regierung die Dekontamination mit großem Eifer. Die Richtlinien sind zwar die besagten 20 mSv pro Jahr, aber es ist offensichtlich, dass das nicht realistisch ist. Wenn diese sich etablieren sollten, wird in Zukunft bei neuerlichen Atomunfällen immer diese Zahl als Norm herangezogen werden. Das können wir nicht schweigend mit ansehen!”

Kanno erklärt: “Auch wenn sie dekontaminiert haben – nicht eine Familie mit Kindern ist zurückgekehrt. Das Krankenhaus und der Supermarkt ist geschlossen. Der Rentnerverein und auch die Jugendbaseballmannschaft sind aufgelöst. Warum sollte auch nur irgendjemand an einen Ort ohne Menschen zurückkehren? Es bleiben nur noch die Alten, hier gibt es keine Zukunft mehr. Vor Kurzem hat sich eine Großmutter in den Teich geworfen. Alle haben versucht, sie zu retten und aus dem Teich zu ziehen, aber es war zu spät. Weiß die Regierung überhaupt, was sich hier für ein Drama abspielt? Ich muss den Menschen davon berichten.” Es taucht das Bild der Bauernrevolution im inneren Auge auf…(Readktionsleiter der Abteilung Fukushima, Tokyo Shimbun, Morgenausgabe 7.7.2015, S.4)

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