Gebt uns endlich ein Strahlungsheft

Am 5. September wurde die Evakuierungsanordnung für Naraha, Präfektur Fukushima aufgehoben. Es wurden allerhand Events abgehalten, um die Bevölkerung zurückzulocken. Die allerdings ist verschreckt und befürchtet, dass die Aufhebung zu früh kommt. Auf den Spuren dieser Angst war die Tokyo Zeitung für Sie vor Ort unterwegs.

Quelle: Google Maps

Quelle: Google Maps

Vor der Katastrophe war die Stadt Naraha berühmt für ihren Lachsfang am Fluss Kidogawa. Der Lachs, der den Fluss aufwärts schwamm, wurde gefangen und den Touristen in den Restaurants am Flussufer serviert. Dieser Lachs sei nun nach fünf Jahren endlich wieder genießbar, so heißt es. Das Angeln war den Anreinern für kurze Zeit gestattet. Der Vorsitzende des Laichplatzes der Fischereigenossenschaft, Kentarô Suzuki (33), ist sehr glücklich über den Wiederaufbau der Laichstätte: “Ich würde mich freuen, wenn sich die Bewohner der Stadt an die alten Zeiten erinnern und das vielleicht als Anlass nehmen, wieder heimzukehren”, sagt er und zeigt ein Lächeln.

Neben dem Bürgermeisterhaus steht schon ein Fertighaus. Hier entsteht die Einkaufsstraße.

Das Ehepaar Satô betreibt zum Beispiel ein Restaurant mit Namen “Take-chan shokudô”, und Ehefrau Miyuki sagt: “Auch die Menschen, die nicht zurückziehen können, sollen hier zumindest die Gelegenheit haben über früher reden zu können.” Sie freut sich darauf, mit den verschieden Erinnerungen die Stadt wieder auferstehen zu lassen.

Allerdings waren nicht alle Bewohner der Aufhebung gegenüber positiv gestimmt. Ursprünglich strebte der Hauptsitz für Notfallschutz bei Nuklearunfällen (Nuclear Emergency Response Headquarters) eine Aufhebung für den August an, aber Stimmen aus der Bevölkerung mahnten, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Lebensmitteleinkäufe möglich seien und es keine Krankenhäuser gebe. Das Lebensnotwendigste sei noch nicht beisammen und daher eine Rückkehr verfrüht. Daraufhin hat die Regierung und die Stadt eine Einkaufstraße und eine Arztpraxis eingerichtet, damit Mitte September die ersten wieder in die Stadt zurückkehren können.

Warum muss plötzlich alles so schnell gehen? “Wahrscheinlich ist die reglementierte Zone ein Dorn im Auge der Veranstalter der Olypmischen Spiele”, sagen manche mit teilnahmslosen Gesichtern.

Die Bevölkerung hat vor allem Angst, weil sie auf das Beispiel der Nachbarstadt Hirono schaut. Hirono wurde gerade mal ein halbes Jahr, am 13. September 2011, nach der Explosion des AKWs von den Evakuierungsanordnungen befreit.

Ein Bewohner der Stadt, Kenichi Abe (53), erzählt: “Obwohl die Strahlungswerte so hoch waren, hat man keine Befragung oder Ähnliches durchgeführt. Die Stadt hat das einfach so beschlossen. Hirono sollte die letzte Bastion vor der Zone werden, man brauchte sie als Stützpunkt.”

In der Realität ist Hirono heute voll von Fertighäusern, in denen die Kraftwerkarbeiter wohnen. Nachdem das Gebiet entwarnt war, bekamen die Einwohner von Tepco Entschädigung für ihre psychologischen Schäden, die sie davon getragen haben (pro Monat 100 000 Yen). Aber auch das war nur von kurzer Dauer. Danach wurden sie nicht mehr als Opfer des AKW-Unfalls angesehen.

Vier Jahre sind seitdem vergangen und von den ursprünglich 5000 Bewohnern sind 2200 zurückgekehrt, aus wie sie sagen finanziellen Gründen. Ohne jegliche Unterstützung und wohlwissend, dass die Gegend radioaktiv belastet ist, sahen sie für sich keinen anderen Weg, als in ihre Häuser zurückzuziehen.

Abe erzählt: “Als die Evakuierung aufgehoben wurde, war der Bürgermeister wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Da dämmerte es auch mir; für die Bürokraten und die Tepcoleute war die Sache erledigt.”

Die Bevölkerung von Naraha will nicht die selben Fehler begehen. Bei einem Informationstreff für die Anwohner äußerte ein Teilnehmer den Wunsch, ein Büchlein zum Aufzeichnen der Strahlungswerte zu bekommen. Die Erklärung folgte: “Wir wurden durch die Explosion verstrahlt. Auch von jetzt an werden wir, wenn auch bei geringen Dosen, weiter der Strahlung ausgesetzt sein. Wir sind Atomkatastrophenopfer, das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Wenn wir das nicht klarstellen, dann werden wir eines Tages vergessen sein. Das wäre wirklich grausam!” (Chef des Büro für Fukushima Angelegenheiten, Tokyo Shimbun, 1.9.2015, Morgenausgabe S.4)

Weiterführende Links: The Japan Times, Spiegel

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