“Die Wahrheit über die Atomkatastrophe in Fukushima” – ein Vortragsabend mit Naoto Kan

Am Abend des 16. September hat Naoto Kan, ehemaliger Premierminister von Japan während der Dreifachkatastrophe, im OAG-Gebäude in Tokyo mit Zusammenarbeit des DIJ einen Vortrag zur Atomkatastrophe in Fukushima gehalten. Anlass war die Veröffentlichung der Übersetzung seines Buches “Als Premierminister während der Fukushima-Krise” (Iudicium Verlag, Übersetzung Prof. Dr. Frank Rövekamp). Es waren rund 200 Zuhörer anwesend. Im Anschluss an den Vortrag gab es eine Fragerunde.

Rövekamp und Kan

Rövekamp und Kan

Überblick der Rede (Details nachzulesen in seinem oben genannten Buch):

Kan sprach zunächst über den Hergang des Erdbebens am 11. März 2011. Zum Zeitpunkt der Erschütterung befand er sich gerade im Oberhaus. Die ersten Meldungen zum Atomkraftwerk in Fukushima waren positiv, die Notabschaltung hatte funktioniert. Wenig später erfuhr Kan, dass durch die unterbrochene Stromzufuhr die Kühlungssysteme ausgefallen waren. Nun war klar, dass es unweigerlich zu einer Kernschmelze kommen musste.

In den folgenden Tagen kam es zur Überhitzung der Reaktoren und zu mehreren Explosionen, was im Ergebnis zur Kernschmelze führte, die bis zum heutigen Tage andauert.

Diese Umstände veranlassten Kan, über ein “Worst-Case-Szenario” nachzudenken, das eine Evakuierung von einem Radius über 250 km bedeutet hätte. Tokyo und der größte Teil der Tohoku-Region wären davon betroffen gewesen. Es hätte sich um 50 Mio. Menschen gehandelt, tatsächlich wurden 160 000 Menschen evakuiert. Japan entging knapp dem Abgrund.

Vortrag Kan

Vortrag Kan

Kan war informiert über Atomunfälle in der Vergangenheit und wusste, wenn das Kernmaterial nach außen dränge, würde ein Hundertfaches der Strahlung von Tschernobyl austreten und niemand könnte sich mehr den Reaktoren nähern.

Kan konnte nicht glauben, dass ein solcher Unfall möglich sei, doch nun war es passiert. Die Katastrophe von Fukushima veränderte sein Denken.

Der Unfall war überhaupt möglich geworden durch die Maßnahmen, die Tepco beim Bau des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi veranlasste. Es wurde Erde der ursprünglichen Höhe von 35 m auf 10 m abgetragen, um die Kühlung kostengünstiger zu gewährleisten. Das AKW Onagawa, im Norden von Fukushima Daiichi, liegt auf der ursprünglichen Erderhebung und wurde dadurch verschont.

Kan wollte sich über die Sachlage bei der Atomaufsichtsbehörde erkundigen, doch ihr Leiter, Terasaka Nobuaki, konnte ihm keine genauen Informationen liefern. Er war Absolvent der Wirtschaftsfakultät der Tokyo Universität. Es dämmerte Kan: bei der Besetzung der Stelle hatte niemand mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Auch in der lokalen Notfalleinrichtung 5 km entfernt vom AKW Fukushima war man vollkommen unvorbereitet auf eine solche Dreifachkatastrophe.

In Tschernobyl zu Sowjet-Zeiten wurden hundert tausende Soldaten zum havarierten Reaktor geschickt, viele verloren ihr Leben. Kan rang mit sich, wie Japan in dieser Situation handeln sollte. Darüberhinaus war klar, dass niemand außer Tepco genau wusste, wie das Kraftwerk überhaupt funktionierte. Doch – konnte er ein Unternehmen zwingen, seine Arbeiter unter Einsatz ihres Lebens zu den Aufräumarbeiten abzukommandieren?

Am 15. März kam die Nachricht, dass Tepco sich zurückziehen wolle. Wenn das geschieht, wird nicht nur der Block 1 schmelzen, sondern alle anderen Blöcke auch. Kan fasste den Entschluss, zu tun, was immer nötig sei und bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Da Kan zum Unfallzeitpunkt bereits über 60 Jahre alt war und wusste, dass die Strahlung vor allem für junge Menschen gefährlich ist, machte er sich auf den Weg in das Kraftwerk, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das half bei den weiteren Entscheidungen.

Dass es letztlich nicht zum Untergang Japans kam, ist der glücklichen Fügung zu verdanken. Obwohl das Wasser zusehends verdampfte, wurden beispielsweise die alten Brennstäbe in Block 4 nicht freigelegt, weil sich ein Loch zum benachbarten Becken auftat, das viel Wasser enthielt und das Abklingbecken auffüllte. Auch ist der Block 2 nicht explodiert, obwohl das Venting (kontrolliertes Druckablassen) verspätet war.

Auch heute wird tagtäglich in den Nachrichten von den großen Mengen verseuchtem Wassers berichtet. Ein Teil lagert in den vielen Tanks, ein weiterer Teil wird in einem Kreislaufsystem zur Kühlung auf die Reaktoren gebracht. Abe sagte einmal, alles sei “under control”, die Wahrheit ist, das nach wie vor nichts wirklich unter Kontrolle ist. Man rechnet mit 30 Jahren für die Aufräumarbeiten. Kan ist sich sicher, es wird noch länger dauern.

Obwohl der Anteil der Atomkraft vor dem Unfall ursprünglich noch gesteigert werden sollte, stieg Kan nach dem Unfall sofort aus der Atomkraft aus. Japan hat in der Krise bewiesen, dass durch andere Energiequellen und Stromsparen die Atomkraft ersetzt werden kann.

Weltweit ist die Solarenergie auf dem Vormarsch, und viele westliche Länder erkennen, dass der Rückbau von AKWs sehr teuer und damit die Atomkraft unrentabel ist. Auch die Erderwärmung spielt eine große Rolle und sollte mit erneuerbaren Energien wenigstens eingedämmt werden. Zudem werden die meisten Kriege um Energie gefochten. Würde man das Energieproblem lösen, gäbe es diese Kriege nicht mehr. Abseits der Industrienationen leben viele Menschen bereits mit erneuerbarer Energie, besonders dort, wo es kein Stromnetz gibt. Kan appellierte zum Schluss, dass wir diese zum Vorbild nehmen und Lehren aus dem Unfall in Fukushima ziehen sollen. Der Mensch lebte viele Jahrtausende von der Energie der Sonne, warum sollte er es nicht wieder tun?

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One comment

  1. Thomas Gittel · · Reply

    Das war wirklich ein sehr informativer Abend gestern. Ex-Premier Kan hat nicht nur überzeugende “statements” abgeliefert, sondern auch erstaunliches Interesse an den Fragen des Publikums an den Tag gelegt.

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