Das Ende von SPEEDI – Keine Vorhersagen für Radioaktivität mehr?

Der erfolgreiche Test einer Wasserstoffbombe Nordkoreas Anfang dieses Monats – Grund zur Besorgnis für Japan, dessen Selbstverteidigungsstreitkräfte aufmerksam die Verteilung der Radioaktivität beobachten. Die Daten für eine Vorhersage liefert SPEEDI (System for Prediction of Environment Emergency Dose Information). Allerdings lehnt die Regierung den ursprünglich geplanten Einsatz von SPEEDI zur Katastrophenprävention ab. Grund dafür ist die Kritik am Umgang mit dem Atomunfall in Fukushima. SPEEDI soll zwar auch in Zukunft Vorhersagen treffen, aber nur noch für einen begrenzten Aufgabenbereich. (Artikel von 2011 über Kritik an SPEEDI beim AKW-Unfall in Fukushima: Spiegel, zu SPEEDI (jp))

Nordkorea ließ am 6. Januar gegen Mittag im Staatsfernsehen Korean Central Television (KCTV) verlauten, dass der Testversuch einer Wasserstoffbombe erfolgreich verlief. Am Nachmittag desselben Tages versammelte sich ein Verwaltungsstab der japanischen Ministerien im Amtssitz von Ministerpräsident Abe, um über Maßnahmen gegen die Radioaktivität zu beraten.

Wasserstoffbombe_Korea2016

Bei der Sitzung sprachen sich die Ministerien ab, welche Schritte als nächstes getan werden müssen, um ein Bild der Verbreitung der Radioaktivität zu erhalten. Darunter fiel auch die weltweite Messung und Vorhersage durch SPEEDI und ein Monitoring durch die Luftstreitkräfte.

Zu diesem Beschluss äußerte sich der Verantwortliche der NRA.: “Anstatt ins Blaue hinein die Luft zu untersuchen, ist es besser, aufgrund von Windrichtung etc. Voraussagen zu treffen und danach den Luftraum zu kontrollieren.”

Untersucht wurde auf Stoffe, die sich leicht in der Luft verteilen, wie z.B. radioaktives Jod und Cäsium. Bis zu einer Höhe von 3000 m fanden alle 1000 m Kontrollen statt denen zugrunde Belastungskarten erstellt wurden. Die Informationen vom 6.-15. Januar findet man auf der Internetseite der NRA (Informationen Strahlung Nordkorea, Informationsblatt Nummer 1 vom 6.1.2016 hier (jp)).

Bisher ließ sich keine Belastung des japanischen Luftraums feststellen.

SPEEDI, dass zwar nun durch die Waffentests wieder im Rampenlicht steht, hat jedochseit dem AKW-Unfall in Fukushima an Bedeutung eingebüßt.

Vor dem Unfall lag das Hauptaugenmerk auf der Vorhersage der Verteilung der Radioaktivität. SPEEDI berechnete nach dem AKW-Unfall die voraussichtlichen Belastungen, wonach dann Anweisungen für die Evakuierung und die Flucht angeordnet wurden.

Doch seit Februar 2013 gilt eine neue Regelung; Anweisungen sollen nur aufgrund von lokaler Messungen und beim Überschreiten der Richtwerte erteilt werden. Bis dahin sollen die Betroffenen in ihren Häusern bleiben und sich vor der Strahlung schützen. Der Beauftragte der NRA sagt dazu: “Es ist nicht immer so, dass sich die Radioaktivität an unsere Voraussagen hält. Es kann passieren, dass sich Menschen an Orte retten, die zunächst als sicher gelten, aber man im Nachhinein feststellt, dass die Gegend stark verseucht ist.” (Dieser Fall trat beispielsweise in der Stadt Namie ein. Anm. d. Übers.)

Trotzallem ist schwer nachzuvollziehen, warum SPEEDI zwar bei einem Waffentest wie dem von Nordkorea eingesetzt wird, aber nicht für die Katastrophenprävention bei einem Atomunfall.

Auch die Atomgegner äußerten am 21. Januar bei einer Versammlung in Tokyo ihre Zweifel. Dem entgegnete der Beauftragte nur, dass sich der Einsatz zwischen In- und Ausland unterscheide. Auf Nachfrage der Tokyo-Zeitung hieß es: “Bei einem Wasserstoffbombentest im Ausland ist die Datenlage äußerst schlecht. Daher haben wir bei der Voraussage der Verteilung der Radioaktivität SPEEDI benutzt. Bei einem Atomunfall allerdings brauchen wir gesicherte Daten.”

Die Beauftragten der NRA hatten den Status von SPEEDI im Februar 2013 auf ein einfaches “Hinweis”-Level herabgestuft. Im Oktober 2014 kam der Beschluss, das System nicht mehr für eine Evakuierung zu nutzen. Im vergangenen Jahr wurden alle Hinweise auf SPEEDI von der Richtlinie gestrichen und im Budjet 2016 taucht es schon nicht mehr auf.

Obwohl SPEEDI mit einem Riesenbudjet von 12 Mrd. Yen finanziert wurde, findet es keinen Einsatz mehr bei der Katastrophenprävention. Der Vorsitzende der Gruppe “Anrainer im Umfeld von 30 km des AKW Sendai” in Kagoshima, Shôji Takagi, äußert sich dazu: “Ich kann nicht verstehen, warum SPEEDI ganz von der Liste gestrichen wird. Es gibt nicht mal eine Erklärung, welcher Teil der Vorhersage zuverlässig ist und welcher nicht.” Der Kritik an dem System nach der Fukushima-Katastrophe entgegnet Takagi: “Das war ein Problem auf Seiten der Betreiber”.

Kurz nach dem Unfall hatten die Betreiber mehrmals Voraussagen erstellt, doch wohl um Chaos zu vermeiden, hielten sie ihre Ergebnisse zurück. Die Informationen zur voraussichtlichen Verbreitung der Radioaktivität wurden nicht an die Bevölkerung weitergegeben. So gab es Fälle, bei denen man im Nachhinein feststellte, dass sich die Bevölkerung aus Unwissenheit an stark belastete Orte gerettet hatte. Währenddessen gab die Regierung die vorhandenen Daten an das US-Militär weiter.

Die Geschäftsleiterin Kiyoko Shimada der Bürgerinitiative “Osakas Anti-Atom (AKW Mihama, Ôi, Takahama)” sagt: “Die NRA-Beauftragten wollen eine erneute Kritik nach Fukushima vermeiden, deshalb sehen sie vom Einsatz von SPEEDI ab.”

“Es gibt natürlich Grenzen bei dem derzeitigen Verfahren, Evakuierungsanweisungen auf Grundlage von Messungen vor Ort anzuordnen. So ist eine Evakuierung nach der Feststellung der Werte schon zu spät, denn die Radioaktivität hat sich bereits verbreitet. Es ist fraglich, wieviel zum Schutz der Menschen beigetragen wird, wenn sie in ihren Häusern ausharren sollen, bis weitere Anweisungen kommen. Damit sind die Menschen der Strahlung in jedem Falle ausgesetzt”, so Shimada.

Selbst die Messungen vor Ort laufen nicht immer nach Plan; auch das ist eine Lehre aus dem AKW-Unfall in Fukushima. Nach dem Bericht des Unfallausschusses waren von 24 Messungspunkten 23 durch den Tsunami und das Erdbeben beschädigt und damit unbrauchbar. Obwohl man versuchte, diesen Umstand mit auf Autos intallierten Messgeräten zu beheben, hatte auch diese Bemühung wenig Erfolg. Die Straßen waren entweder zu stark beschädigt oder das Benzin war aus.

Der Professor em. Hiroshi Hirose der Japan Women’s University gibt zu Bedenken: “Radioaktivität verbreitet sich in sehr kurzer Zeit. Man nicht ewig auf Ergebnisse der Messungen vor Ort warten. Man sollte vorläufige Berechnungen erstnehmen, auch wenn sie sich im Nachhinein als nicht hundertprozentig exakt erweisen.”

Auch von den Kommunalverwaltungen kommt die Aufforderung, die Vorhersagen von SPEEDI einzubeziehen. Der Gouverneur von Niigata, Hirohiko Izumida, hatte im vergangenen August bei der Versammlung der Gouverneure den Vorsitz für Katastrophenmanagement und -prävention inne gehabt und in dieser Position Shunichi Tanaka, Vorsitzender der SPEEDI-Kommission (NRA), angetragen, das System zu nutzen.

Tanaka äußerte sich nach seiner Amtszeit im Oktober 2012 : “Wir müssen beides in Betracht ziehen, einerseits die Messungen und andererseits die Vorhersagen von SPEEDI. Es behauptet ja niemand, dass wir uns ausschließlich auf SPEEDI verlassen.”

Nachdem allerdings das System im letzten Jahr vom Plan genommen wurde, änderte Tanaka seine Meinung und sagte auf einer Pressekonferenz im April 2015: “In der letzten Zeit hat sich die Vorstellung verbreitet, dass wir mit SPEEDI Katastrophenprävention betreiben können. Dem ist aber nicht so. Im Notfall können wir das System nicht benutzen.”

Professor em. Hirose zeigt seinen Missmut über diese Entwicklung: “Die Regierung kann einfach nicht angemessen auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren. Sie hat eine Richtlinie, die lange vorher feststeht und an die sich gehalten wird. Herr Tanakas Äußerungen zeigen, wie sein Denken von der Regierungspolitik schon getrübt ist.” (Tokyo Shimbun, 24.1.2016 Morgenausgabe S. 28-29)

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