Zwischen Angst und Hoffnung – Geisterstädte erwachen zum Leben

Wiedereröffnung der Stadt Naraha in der “Zone” – fünf Jahre nach der Atomkatastrophe

Am 11. März vor fünf Jahren verwüstete eine riesige Tsunami-Welle weite Teile der Küste im Nordosten Japans. Sie wurde durch eines der stärksten Beben unserer Zeit ausgelöst. Fast 19.000 Menschen starben. Kurz darauf explodierten drei der sechs Blöcke des AKW Fukushima I. Es traten Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3 auf. Bis heute ist das Gebiet 20 km um das Kraftwerk gesperrt – bis auf die Stadt Naraha.

Das Gebiet um das Kernkraftwerk ist seither verlassen. Stück für Stück wächst es zu mit wilden Gräsern. Wie nicht heilen wollende Kratzer auf der Haut durchziehen immer noch Risse die Straßen der Städte in dieser “Zone”. Gras sprießt daraus.

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Risse im Asphalt – Straße in Tomioka, Nachbarstadt von Naraha

Schief neigen sich die Dächer der verwüsteten Häuser in die leeren Straßen von Tomioka. Sie sind löchrig. Die Häuser am Straßenrand sind abgeriegelt. (Siehe Fotos und Video)

Doch es herrscht erstaunlich reger Verkehr auf der Straße durch das Niemandsland. Sie ist nur befahrbar für größere Autos und LKWs; Radfahrer und Motorräder sind verboten. Aus dem Auto aussteigen darf man nicht. Die Straße durch das radioaktiv verseuchte Gebiet wurde bereits im September 2014 freigegeben.

An der Straße sind Messtafeln für Radioaktivität installiert, doch kaum jemand scheint ihnen besondere Beachtung zu schenken. In den entgegenkommenden Autos sitzen wahrscheinlich Arbeiter, die an den Aufräumarbeiten beteiligt sind. So kehrt keine drei Stunden Autoentfernung von Tokyo wieder Leben in die Sperrzone ein.

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Anzeigetafel für Radioaktivität in der Sperrzone

Seit dem 5. September 2015 ist die Stadt Naraha, Landkreis Futaba in Fukushima, nach langer Dekontaminierung wiedereröffnet. Nur 19 km weiter nördlich steht das havarierte Kraftwerk. Keine 6 km weiter beginnt die Sperrzone.

Doch die Regierung will Naraha zur Modellstadt machen. Nach der Explosion wurde Naraha am 12. März 2011 evakuiert. Seither war der Zugang und Aufenthalt in der Stadt nicht oder nur begrenzt möglich. Vor dem Unfall wohnten 7.700 Menschen in der Stadt, heute sind es etwas mehr als 400 Mutige, die zurückgekehrt sind. Hayatori trifft für Sie zwei von ihnen.

Auf Deutsch heißt die Stadt “Eichenblatt”, und im Frühling wird es hier grünen und blühen. An der Straße, auf der viele eilige LWKs fahren, wachsen die Stiefmütterchen. Noch sind sie die einzigen frohen Boten des nahen Frühlings. Abseits der Straße ist die Stadt eher bräunlich und grau, mit vertrockneten Wiesen und Sandflächen.

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Straße durch das Zentrum von Naraha, LKWs und Stiefmütterchen

Zunächst erkunden wir das kleine Stadtzentrum. Neben der Straße befindet sich das Gemeindeamt und die Sporthalle der Schule. In der Notbaracke vor dem Gemeindeamt ist ein Supermarkt und ein kleines Restaurant untergebracht. Sie ist hübsch bemalt mit Kirschblüten und einem Lachs, der mit geöffnetem Maul aus dem Wasser springt. Naraha ist berühmt für seine Lachszucht. Gleich daneben steht die Übergangsunterkunft der Post. Auf der anderen Seit der Straße gibt es ein Restaurant, dort gibt es Mittagessen.

Hisao Yanai (70) sitzt am Tresen seines Restaurants Ippei. An der Wand reihen sich die Sakeflaschen auf Regalbrettern bis unter die Decke. Der Laden wirkt, als ob nie etwas gewesen wäre. Etwas alt und ein bisschen schäbig, aber sehr gemütlich. Nur die Uhr an der Wand zeigt seither 14:46 Uhr, als die Erde bebte.

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Hayatori vor dem Restaurant

Yanai schaut ab und an zu den vielen Presseleuten herüber. Er ist Bulldozerfahrer, obwohl er nur einen Arm hat. In seinen schmuddeligen Arbeitsklamotten sitzt er vor seiner Schale Reis und legt die Stirn in Falten.

“Ich war der erste hier in der Stadt, der seinen Laden wiedereröffnet hat”, sagt er stolz. Obwohl die Stadt erst im September offiziell bewohnbar wurde, betreibt Yanai schon seit April 2015 seinen Laden wieder. Er hatte eine Sondergenehmigung dafür bekommen. Ganz ohne Hilfsgelder vom Staat reparierte er das kaputte Dach und stellte sein Restaurant wieder her. Seine Kundschaft sind Arbeiter, die diese Gegend dekontaminieren oder Mitarbeiter des Gemeindeamts. Vor dem Unfall waren es Angestellte und Anwohner aus der Stadt.

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Hisao Yanai, Besitzer des Lokals “Ippei”

“Was die Regierung sagt, ist Unfug”, seine Brauen schieben sich zusammen, doch sein trauriger Blick will der Wut nicht weichen. “Nach unseren Messungen liegen die Werte viel höher. Ich habe einen Freund, der ist Spezialist, der hat für mich gemessen. Die Regierung misst ja nur 3-5 cm um das Haus herum. Als ich mit mehr Abstand gemessen habe, waren es in der Luft 0,7 µSv/h und auf dem Boden und dem Dach 10,5µSv/h.”

Offiziell sind es in der Luft 0,11-0,20 µSv/h, zumindest sind das die Werte, die man auf der Homepage der Stadt findet (siehe Karte oben). Auf dem Parkplatz vor dem Gemeindeamt, wo unser Auto steht, lag der Höchstwert in 1 cm Höhe seit dem Unfall in der Vergangenheit bei 1,02 µSv/h, heute sind es 0,17 µSv/h.

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Parkplatz vor Gemeindeamt

Zum Vergleich: in Deutschland liegt die Dosisleistung bei ca. 0,08-0,15 µSv/h. Wenn es stimmt, was Yanai sagt, ist sein Dach mit einem Wert von 10,5µSv/h ein Hot Spot. Natürlich gibt es überall Hot Spots. Doch die Werte für die Regierung werden wohl in aller Regel dort abgenommen, wo die Dekontaminierung erfolgreich stattgefunden hat. Was sich wenige Meter daneben abspielt, steht auf einem anderen Blatt.

Und natürlich bleibt auch die Frage, wie sinnvoll eine Dekontaminierung ist, wenn die umliegenden Berge und Wälder weiterhin stark verstrahlt sind und mit jedem Windstoß und mit jedem Regen die Partikel wieder in die Stadt getragen werden.

Hat Yanai Angst? “Nein, ich habe ja nichts mit der Strahlung direkt zu tun. Die Dekontaminierung wird von anderen gemacht. Aber meine Frau ist mit unserer Tochter nach Tokyo geflohen. Sie arbeitet im medizinischen Bereich, deshalb reagiert sie so verschreckt darauf.”

Yanai trinkt das Wasser aus dem Wasserhahn. Schaut man auf die Website der Stadt, ist das Wasser auch nicht belastet. Wir bekommen als Gäste des Lokals Wasser aus dem Supermarkt angeboten.

Aber wie vielen Stadtbewohnern machen all diese Dinge keine Angst, und wie viele kommen tatsächlich zurück? Nach einer Umfrage der Behörde für Wiederaufbau im Januar dieses Jahres sind es 7,6 % der Einwohner, die bereits zurückgekehrt sind und 43,1 %, die in Zukunft planen zurückzukehren. Es ist die erste Umfrage seit der Aufhebung der Sperrzone. Der Großteil der Menschen, die zurückziehen, sind 60 oder mehr Jahre alt. Ein Viertel der Bewohner will nicht zurückziehen.

Yanai erzählt, dass die Stadt einfach noch nicht bereit sei, die Rückkehrer aufzunehmen. Die Plätze in Krankenhäusern würden nach der Anzahl der tatsächlichen Rückkehrer eingerichtet. Das sei kein Anreiz, für die Bevölkerung nach Naraha zurück zu ziehen. Außerdem sind die Krankenhäuser oft voll mit Menschen, die regelmäßig auf die Auswirkung der Strahlung kontrolliert werden.

Die Nachricht ist klar, für Yanai reichen die Anstrengungen der Regierung nicht aus. Erst muss das Lebensumfeld wiederhergestellt werden, bevor Menschen in Naraha leben können.

Gleich dem Restaurant befindet sich die Galerie g.too. Der Galerist Yasuto Igari (60) öffnet die Tür. Rechter Hand befindet sich ein kleiner Verkaufsraum mit Tonfiguren und gehäkelten Tassen. Linker Hand sieht man ein paar Bilder, die in einem sonst recht leeren Raum stehen. Igari bietet einen Stuhl und Kaffee an.

Er schaut aufmerksam und doch irgendwie starr herüber, sein linker Arm ist steif. Eine große Brille sitzt auf der Nase, das Gesicht verzieht kaum eine Miene. Igari beginnt zu erzählen: “Zuerst durfte man nur tagsüber nach Naraha kommen. Seit Februar letztes Jahres übernachte ich wieder in Naraha. Und seit der Wiedereröffnung im September wohne ich wieder richtig hier.”

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Galerist Yasuto Igari

Igari ist gern allein, eigentlich sogar lieber als in Gesellschaft. Dennoch ist seine Galerie ein Treffpunkt, schließlich möchte Igari den Künstlern der Region einen Raum bieten. Die Idee dazu kam ihm, weil seine Mutter gern malte. Sie verstarb während der Evakuierung. In Gedenken an sie sollen die Menschen nun ihre Bilder sehen. Doch auch andere Künstler stellen hier aus. Besucher kommen meistens, wenn es Events in der Stadt gibt. Die Anwohner der Stadt haben zu viele andere Dinge zu tun, sie kommen nur selten.

Igari ist zusammen mit seiner Frau zurückgekehrt. Ihre zwei jungen Söhne leben in Tokyo, sie werden wohl nicht mehr zurück nach Naraha ziehen. Doch Igari macht sich keine Sorgen. Jetzt ist er 60 Jahre alt, was soll schon passieren. Vor der Dekontaminierung waren die Werte sehr hoch an seinem Haus, doch jetzt, nach der Säuberung sei es sicher, meint er. “Natürlich kann ich die Menschen verstehen, die nicht zurückkommen wollen, das ist letztlich jedem selbst überlassen.”

Heute engagiert sich Igari in der Freiwilligengruppe Nanikashitai (“Wir wollen etwas tun”). Er ist einer von knapp 40 Personen, die die Zukunft von Naraha mitgestalten wollen. Auf ihre Initiative hin hat der lokale Radiosender vor dem Morgensport ein paar Minuten für die Einwohner Narahas freigestellt, damit sie über sich und die Stadt erzählen können. Es gibt auch Events, zu denen die Strahlungsflüchtlinge sich versammeln und sich über ihre Erfahrungen austauschen können. So leistet Igari einen Beitrag zum Wiederaufbau und ist glücklich, sich nützlich machen zu können. Seine nächste Ausstellung in der Galerie wird Ikebana sein, danach folgt eine Fotoausstellung von Bildern aus dem Katastrophengebiet mit dem Titel “Life”.

Die Regierung hat unter Hochdruck gearbeitet, um die Stadt Naraha wiederzueröffnen. Jetzt versucht sie, mit allen Mitteln die Menschen wieder in ihre Städte zurückzuholen. Die Zukunft wird zeigen, ob die Menschen tatsächlich bereit sind, mit der Radioaktivität zu leben.

Tepco hingegen beschäftigt sich derzeit mit ganz anderen Problemen. In Japan wird der Strom liberalisiert, und jeder kann nun den Stromlieferanten selbst wählen. Um dem Preisdruck standzuhalten, müssen schnell die abgeschalteten Meiler wieder ans Netz. Doch diese hektischen Maßnahmen führen zu immer neuen Problemen. Nach der Katastrophe waren alle 48 Reaktoren zunächst heruntergefahren worden. Schon im letzten Jahr befand man jedoch, dass die neuen Sicherheitsstandards ausreichend erfüllt seien, und nahm das Kraftwerk Sendai in Kagoshima in Kyushu wieder ans Netz. In diesem Jahr folgte das Kraftwerk Takahama in der Präfektur Fukui, in der Nähe von Kyoto. Jedoch führten technische Störungen zu einer erneuten Abschaltung. Das ist natürlich keine gute Werbung für die Atomkraft. Genauso wenig wie die immer noch ungelösten Probleme, die sich wie die schwarzen Säcke in der “Zone” Stück für Stück vor den Toren Tepcos auftürmen

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Schwarze Säcke mit kontaminierten Abfall, ursprünglich ausgelegt für drei Jahre

Wie kann richtig dekontaminiert werden? Wohin mit dem Abfall? Welche Gelder sollen an wen fließen und ist es gerecht, nur noch bis 2018 Entschädigung zu zahlen? Wird die Eiswand um das Kernkraftwerk wirklich funktionieren? Werden 2020 wieder Athleten in J-Village trainieren, wo sich bis vor kurzem noch die Arbeiter ihrer Alltagskleidung entledigt und in die weißen Schutzanzüge gestiegen sind? Es sind viele Fragen, auf die es bisher keine Antwort gibt. In ein paar Jahren werden wir sehen, ob es tatsächlich nachhaltige Lösungen gibt oder nur die Symptome gelindert werden können.

Weiterführende Links:

Neuster Film von Doris Dörrie “Grüße aus Fukushima”, siehe Artikel Welt

Gute Dokumentation “Fukushima – Nichts ist, wie es war” von Patrick Hörl und Kei Matsumoto

 

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3 comments

  1. […] ZWISCHEN ANGST UND HOFFNUNG – GEISTERSTÄDTE ERWACHEN ZUM LEBEN […]

  2. Toller Artikel!!!

    1. Vielen Dank!

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