Rückkehr nach Minami-Sôma

Freigabe der Evakuierungszone von Minami-Sôma – Wiederaufbau in weiter Ferne

Die Stadt Minami-Sôma, die seit dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima I evakuiert war, ist seit dem 12. Juli zur Wiederbesiedlung freigegeben. Im Gegensatz zum Stadtzentrum, wo Aufbaustimmung herrscht, leiden die Gebiete nah an den Bergen immer noch unter den hohen Strahlungswerten. Hier sind die Nachwirkungen des Atomunfalls noch deutlich spürbar. Die Bewohner, die hierher zurückkehren, müssen ihr Leben von Null aufbauen.

An diesem Tag nimmt auch die JR Jôban-Linie die Strecke von Hara-no-machi bis Odaka wieder in Betrieb, die seit der Katastrophe still stand. Mit 18.007 Personen in 3487 Haushalten ist es das größte Gebiet, das seit 2014 freigegeben wurde. Nur ein Haushalt mit zwei Bewohnern unterliegt nach wie vor den Evakuierungsanweisungen.

Obwohl die meisten Bewohner pro forma zur Rückkehr berechtigt sind, nahmen erst 20 % der Betroffen die nötige Registrierung für die Rückkehr ins eigene Haus vor. Baulücken prägen das Stadtbild; die schlechten Aussichten für den Umsatz und die Überalterung der Unternehmer hält die Geschäfte geschlossen.

Die Strahlungswerte in der Geschäftsstraße betragen pro Stunde 0,15 μSv, damit liegen sie sogar unter dem vom Staat anstrebten Wert von 0,23 μSv. Nähert man sich den Bergen im Südwesten der Stadt, steigt die Strahlung an und übertrifft an manchen Stellen sogar Werte von 1 μSv. Nur 10 min vom Stadtinneren mit dem Auto entfernt ist als einziges das Landbauern Ehepaar Monma Kazuo (75) und Nobuko (73) zurückgekehrt – in eine Siedlung mit 18 Haushalten.

Seit der Katastrophe lebte das Ehepaar in einer vorübergehenden Unterbringung innerhalb der Stadt, aber wegen die Unterschiede in der Höhe des Schadenersatzes und der Unsicherheit unter den Nachbarn, überhaupt je zurückkehren zu können, wollten sie so bald wie möglich die Unterbringung verlassen. Vor dem Unfall lebten der Sohn mit Ehefrau und Enkel bei ihnen, doch seither wohnen sie außerhalb der Stadt – so ist es für das betage Ehepaar eine einsame Rückkehr.

Nur für zwei würde die Rente gerade so reichen. Zum Leben möchten sie ihr selbstangebautes Gemüse essen. Doch der kieslige Bergsand, der nach dem Abtragen der oberen Erdschicht aufgetragen wurde, ist als Anbaufläche nicht zu gebrauchen. Das Ehepaar musste den Bambushain hinter dem Haus roden und urbar machen. In einem solchen Alter noch Baumwurzeln herauszuziehen ist eine anstrengende Arbeit. Den Reisanbau haben sie aufgegeben, denn zu zweit wäre es nicht zu bewältigen gewesen. Die Ernte verzehren sie jedoch erst, nachdem sie es im Gemeindehaus getestet haben. Von all dem gänzlich unbeeindruckt laufen hier die Wildschweine frei herum.

“Ich sorge mich um die Verstrahlung, deshalb schicke ich nichts davon meinem Enkel. Obwohl ich ihn so gern davon essen lassen würde…”, sagt Nobuko. Auch wenn die Evakuierunganordnung aufgehoben ist, der Schatten des Atomunfalls liegt noch immer auf der Stadt.

(Von Ôno Takashi, Tokyo Shimbun, 13.7.2016 Morgenausgabe S. 28)

Weiterführende Artikel: http://www.spreadnews.de/fukushima-aktuell-bislang-groesste-freigabe-einer-evakuierten-ortschaft/1150025/

Advertisements

One comment

  1. Thomas Gittel · · Reply

    Die IPPNW berichtete die Tage auch ausführlich über die Situation vor Ort (vielleicht ein bisschen reißerisch, aber immerhin auch mit Fakten unterfüttert):
    https://www.ippnw.de/atomenergie/artikel/de/fukushima-ein-atomares-zwischenlag.html

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: